Dass Symptome eines Herzinfarktes bei Männern und Frauen unterschiedlich sind, war bis in die 1990er Jahre kaum bekannt. Die Folge: Herzinfarkte wurden bei Frauen oft nicht oder zu spät erkannt, und man ging davon aus, dass Frauen seltener Herzinfarkte erleiden. Quasi spiegelverkehrt ist die Situation derzeit bei depressiven Erkrankungen. Depressionen werden bei Frauen etwa doppelt so häufig diagnostiziert wie bei Männern. Einer der Gründe hierfür könnte sein, dass die typischen Symptome dieser Erkrankung – wie Traurigkeit, Antriebslosigkeit oder Rückzug aus dem sozialen Leben – bei Frauen eher auffallen. Diese Symptome treten auch bei Männern mit einer Depression häufig auf. Es gibt allerdings auch Verläufe, die eher von Gereiztheit und Aggressivität geprägt sind. Manche Betroffene versuchen dann, ihr psychisches Unwohlsein mit Sport, Arbeit oder auch Alkohol und anderen Drogen zu bekämpfen.
Der 52-Jährige, der seit Monaten schlecht schläft, immer wieder wegen Kleinigkeiten „explodiert“ und abends drei Bier zum „Runterkommen“ braucht, wird daher selten als depressiv eingestuft. Männer gehen wegen Rücken- oder Magenproblemen, Schlafmangel oder einem stressbedingten Burnout zum Arzt, und nicht, weil sie sich seelisch schlecht fühlen. Sehr oft werden sie auch durch ihre Partnerin zum Arztbesuch gedrängt.
Dabei ist es wichtig, eine Depression auch bei Männern rechtzeitig zu diagnostizieren, denn die Erkrankung kann mit erheblichem Leidensdruck verbunden sein. Der Verlust des Arbeitsplatzes oder der Partnerin kann das gewohnte Selbstbild des starken, aktiven Mannes erschüttern und eine depressive Symptomatik auslösen. Für Männer, die sich stark mit ihrer Arbeit identifizieren, kann schon der Renteneintritt ein Problem darstellen. Die klassischen Rollenbilder für Männer und Frauen sind eben immer noch tief in uns verwurzelt. Sich hilflos und passiv zu fühlen und Hilfe in einer Psychotherapie zu suchen, passt zum männlichen Selbstverständnis viel schlechter als zum weiblichen.
Als Mann, Psychiater und Psychotherapeut appelliere ich daher an alle betroffenen Männer: Niemand ist immer stark und unverwundbar. Es ist okay, wenn Sie Hilfe brauchen. Sie müssen nicht alles mit sich alleine ausmachen. Sprechen Sie mit Ihrer Partnerin, Ihrem Partner, einem Freund oder einer Freundin. Und wenn notwendig, holen Sie sich professionelle Hilfe bei einer Ärztin oder einem Arzt oder kommen Sie in unsere Institutsambulanz. Wir stehen gerne mit Rat und Tat zur Seite.
Klinik Königshof
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