Editorial

Liebe Crevelterinnen und Crevelter,

es ist wunderbar bequem, wenn die Dinge einen festen Ablauf haben. Wenn es Regeln, Erfahrungswerte und Konventionen gibt, an denen man sich orientieren kann. Routinen geben schließlich Sicherheit, sparen Zeit und bewahren uns davor, Fehler zu wiederholen, die andere vor uns machen mussten. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden.

Schwierig wird es nur, wenn aus einem bewährten Weg plötzlich der einzig richtige wird. Wenn wir gar nicht mehr fragen, ob eine Lösung tatsächlich zu uns passt, eine Konvention sinnvoll ist oder ein eingeschlagener Weg zu unserem Ziel führt. Was für den einen hervorragend funktioniert, kann für den anderen völlig ungeeignet sein.

Aber es braucht auch Mut, einen Schritt zur Seite zu machen. Gewohntes zu hinterfragen, genauer hinzusehen, einen eigenen Weg zu finden und gegen den Strom zu schwimmen. Und es lohnt sich: Lösungen warten oft in entlegenen Winkeln, die man nur einsehen kann, wenn man bereit ist, einen anderen Blickwinkel einzunehmen.

Johannes Floehr ist ein gutes Beispiel. Der Comedian und Autor hat aus Sprachwitz, absurden Alltagsbeobachtungen und einer ordentlichen Portion Selbstironie längst seinen ganz eigenen Humor entwickelt. Ob man das nun Comedy, Kabarett oder einfach gepflegten Unfug nennt, scheint dabei fast zweitrangig. Entscheidend ist: Es klingt nach ihm.

Auch Hans Clüsserath von Pielartzik stellt eine scheinbare Selbstverständlichkeit infrage. Anstatt auf moderne, KI-gestützte Hörgeräte zu setzen, die wichtige Funktionen des Gehirns übernehmen, verfolgt er bewusst einen anderen Ansatz: Das Gehirn soll selbst lernen, Geräusche wieder einzuordnen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Die Technik soll nicht entscheiden, was wir hören, sondern uns in die Lage versetzen, diese Auswahl selbst treffen zu können.

Noch einmal ganz anders zeigt sich dieser Gedanke bei der NIA. Der Krefelder Verein beschäftigt sich mit Fragen rund um Religion, Identität und gesellschaftliches Zusammenleben und möchte dabei bewusst unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen. Nicht die eine schnelle Antwort steht im Mittelpunkt, sondern der Austausch darüber, wie wir miteinander leben wollen.

Und auch Personal Trainer Valerio Esposito weiß, dass ein Standardrezept nicht für jeden funktioniert. Gerade Menschen, die mit ihrem Gewicht schon lange kämpfen, brauchen niemanden, der ihnen erklärt, was sie alles falsch machen. Sie brauchen einen Weg, der zu ihrem Körper, ihrem Alltag und ihren Möglichkeiten passt. Vielleicht ist das der rote Faden, der sich durch diese Ausgabe zieht: Nicht alles, was sich bewährt hat, muss neu erfunden werden. Aber es lohnt sich, Gewohntes gelegentlich infrage zu stellen, genauer hinzusehen und zu prüfen, ob der bekannte Weg wirklich der richtige ist. Und wenn nicht, darf man ruhig einen anderen wählen.

Ihr Michael Neppeßen und David Kordes

Foto: Niklas Breuker
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