
Die Niederrheinische Islam Akademie (NIA) ist seit Anfang 2023 im Zentrum Krefelds beheimatet und möchte muslimisches Leben am Niederrhein in seinem Facettenreichtum sichtbar machen. Es ist ein Ort, der für Begegnungs- und Bildungsangebote aus einer muslimischen Perspektive steht: Veranstaltungen auf akademischem Niveau ermöglichen einen interkulturellen Austausch und laden die Krefelderinnen und Krefelder zum Dialog über religiöse, politische, kulturelle und gesellschaftsrelevante Themen ein.
Es ist ein herzlicher Empfang bei Tee und Gebäck in einem hellen Büro in der Lewerentzstraße 104. Fünf Mitglieder der Niederrheinischen Islam Akademie, alle ehrenamtlich tätig, haben sich die Zeit genommen, um mit dem CREVELT Magazin über die Akademie zu sprechen.
„Im Anschluss an die Vorträge entsteht häufig eine gesellige Atmosphäre: Bei Tee und Gebäck kommen die Menschen miteinander ins Gespräch und wollen nicht mehr gehen“, lacht Dr. Hakkı Arslan, Theologe und Religionswissenschaftler. „Es liegt uns am Herzen, dass die Teilnehmenden sich willkommen fühlen. Wir möchten ihnen einen Safe Space bieten, in dem auch kontroverse Themen konstruktiv diskutiert werden können“, fügt Hatice Rabia Bolu hinzu. Sie ist Theologin und Lehrkraft an einer Krefelder Realschule. Die Idee zur NIA kam ihr zusammen mit Dr. Hakkı Arslan und dem Theologen Kaan Baki. „Es fehlten deutschsprachige Angebote zu Themen, die uns beschäftigten“, erklärt Hatice Rabia Bolu. Für sie gab es einen logischen Schluss: einen Verein zu gründen, der eine Anlaufstelle auf Augenhöhe sein sollte – auch als Partner für die Stadt Krefeld.

Dr. Hakkı Arslan fasst das Konzept zusammen: „Das Veranstaltungsangebot der NIA wird aus einer muslimischen Perspektive betrachtet, akademisch begründet und alltagsnah kommuniziert.“ Die Veranstaltungen in deutscher Sprache richten sich herkunfts- und generationsübergreifend an alle Interessierten. Im Mittelpunkt steht jedoch nicht allein die Sprache, sondern eine Bildungsarbeit, die religiöse Tradition mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen und der konkreten Lebenswirklichkeit der Menschen am Niederrhein verbindet. „Unsere Generation steht weiterhin in einer religiösen Tradition, lebt aber zugleich in einer sich wandelnden Gesellschaft“, erklärt Kaan Baki. Deshalb brauche es Räume, in denen über Religion offen und sachlich gesprochen werden könne – mit Respekt vor dem Überlieferten und zugleich mit dem Blick auf die Herausforderungen der Gegenwart.Es ist ein Gefühl von gesellschaftlicher Verantwortung, das den Ursprung der Gründungsidee bildet. „Wir sind ein selbstverständlicher Teil Krefelds. Auch wir möchten die Gesellschaft vorantreiben“, sagt Kaan Baki. „Wir kennen zahlreiche muslimische Akademiker und Wissenschaftler – exzellente Fachpersonen –, deren Expertise in der Gesellschaft bislang noch zu wenig bekannt ist. Das möchten wir ändern, indem wir Brücken bauen zwischen diesen Fachpersonen und Menschen, die sich für ihre Themen interessieren“, fügt Hatice Rabia Bolu hinzu. Aus diesem Grund lädt die NIA immer wieder Menschen aus dem Krefelder Berufsleben und der umliegenden Region ein und stellt sie und ihr Fachwissen vor.

Die Angebotsstruktur der NIA lässt sich in drei Formate aufteilen: Es gibt den Innermuslimischen Kreis, der eine Plattform bietet, um Themen zu reflektieren und wissenschaftlich zu besprechen. Das zweite Format basiert auf einem Interreligiösen Diskurs, der christlich-muslimische Dialoge umfasst und die Verantwortung von religiösen Menschen in den Vordergrund stellt. Den dritten Baustein bildet das Gesamtgesellschaftliche Format, in dem Themen aufgegriffen werden, die aktuell und für die Gesellschaft relevant sind. Diese Inhalte werden erweitert und um muslimische Perspektiven ergänzt: „Wenn komplexe Themen von Fachpersonen präsentiert werden, erlebt man die Inhalte sofort tiefgründiger und intensiver – man kann sich ein vollumfängliches Bild machen“, so Mustafa Bostanci, Kommunalbeamter und Vorstandsmitglied der NIA.

Neben dem aktuellen Veranstaltungsprogramm können die Mitglieder der NIA auch für unterschiedliche Formate zum ThemenbereichMuslime in Deutschland angefragt werden – etwa von Schulen, Behörden, Kirchen und sozialen Einrichtungen. Das Angebot umfasst vielfältige Fragestellungen rund um muslimisches Leben in Deutschland, beispielsweise zu Vielfalt im Islam, antimuslimischem Rassismus sowie religions- und diversitätssensiblem Handeln. Kaan Baki sieht den enormen Bedarf bei jungen Menschen: „Wir möchten auch eine Anlaufstelle für Jugendliche sein, die Fragen zu Identität, Religion und Zugehörigkeit haben.“
Und so ist die Quintessenz aller Formate der NIA, Gesprächsanlässe auf Augenhöhe anzubieten und den konstruktiven Dialog zu fördern, denn dieser ist die Basis für ein wertschätzendes Miteinander in einer Gesellschaft. Dr. Hakkı Arslan fasst abschließend zusammen: „Als Krefelder möchten wir Verantwortung für das Zusammenleben in unserer Stadt und Gesellschaft übernehmen. Wir fragen uns, in welcher Gesellschaft wir leben wollen – und möchten sie aktiv mitgestalten. Das ist für uns keine Floskel, sondern unser Anspruch.“
nia-ev.de
Veranstaltung im Oktober:
Donnerstag, 08. Oktober, Beginn: 19 Uhr
VHS Krefeld
Von-der-Leyen-Platz 2
47798 Krefeld
Der „neue“ Nahe Osten
Zukunftsvision, ewiger Krieg und der deutsche Blick
Mit Prof. Dr. Simon Wolfgang Fuchs
Fotos: Felix Burandt

