Mario Frerker

Wie wird man eigentlich… Shi Zhu?

Shi Zhu Mario Frerker, 8. Toan, Stilbegründer Taiwan Do

Atmung und Achtsamkeit: In einem Jahrzehnt, das ohne Stress durch Smartphones und Social Media auskam, wollte Mario Frerker das Beste aus zwei Welten vereinen. 1981 gründete der angehende Sportfachlehrer die Taiwan Do Akademie – eine Sportschule, die eine Brücke schlägt zwischen asiatischer Kampfkunst (Kung Fu Wu Shu) und Gesundheitslehre (Tai Chi Chuan). Aus fester Überzeugung, dass es weniger Aggression und mehr Miteinander braucht, verzichten der Begründer und sein Team bis heute bewusst auf Wettkämpfe. Auch wenn der 67-Jährige längst in Rente sein könnte, steht er als Meister auf der Matte und beweist, dass sein Stil für jede Generation geeignet ist. Und manchmal ziemlich laut sein kann.

Wer als Interview-Vorbereitung den Animationsfilm „Kung Fu Panda“ gesehen hat, erwartet Kampfkunst, buddhistische Weisheiten, Bilder von Drachen und asiatisches Ambiente. In dieser Hinsicht werden wir an diesem Mittwoch nicht enttäuscht: Akademieleiter Mario Frerker und Trainer Sebastian Tomzig empfangen uns stilvoll gekleidet vor dem Dojo auf der Moritzstraße und bitten sehr höflich darum, dass wir unsere Straßenschuhe gegen schlichte schwarze Slipper tauschen. Bei grünem Tee in Bioqualität blicken wir auf Wände voller Fotos (inklusive einem handsignierten Porträt des Dalai Lama), Bücher und Schriftzeichen und tauchen ein in die Welt von Taiwan Do, einer Kampfkunst-Variante, in der es keine Gegner gibt, sondern es auf Partnerschaft ankommt. „Im Herbst 1980 entwickelte ich diesen Namen als gemeinsamen Oberbegriff für die Kampfkünste und die Gesundheitslehre“, erinnert sich der Wahlkrefelder an die Anfänge seiner Sportschule. „Do steht im Japanischen für Weg, Taiwan Do heißt also taiwanesischer Weg“, erklärt der in China diplomierte Sportfachlehrer, der über eine humanistische Bildung, Kenntnisse in ostasiatischer Philosophie und Erfahrung in Kampfsportarten wie Judo, Karate Do, Taekwon Do und Hap Ki Do verfügt. Auch die buddhistische Lehre spielt eine Rolle: Im Laufe des Besuchs scheint immer wieder durch, wie wichtig ihm Empathie, Gelassenheit, wertschätzende Kommunikation und seine Vorbildfunktion als Shi Zhu sind. Die unterschiedlichen Meistergrade wird Mario noch detailreich erläutern – zwischen unzähligen Geschichten über besondere Menschen, die ihn beeindruckt haben.

Shi Zu Mario Frerker und Shi Fu Sebastian Tomzig.

Mit ruhiger Stimme und einer starken Ausstrahlung zählt er die fünf Säulen des von ihm begründeten Lehrsystems auf: Atmung, Haltung, Konzentration, Bewegung und Praktische Lebensphilosophie. „Unser Ziel ist es, die Persönlichkeit und soziale Kompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zu entwickeln. Selbstschutz und Selbstverteidigung sind dabei nur ein Teil des Übungsprogramms. Noch wichtiger sind uns eine ganzheitliche Gesundheitsförderung und eine Erziehung zu Frieden und Respekt“, sagt Mario Frerker. Der Aufbau einer starken Physis und die richtige Atemtechnik sind dabei unerlässlich, wie uns Sebastian Tomzig aus dem Stegreif präsentiert.

In wenigen Sekunden baut der Cheftrainer und Shi Fu maximale Körperspannung auf, um einen Kampfschrei im Tigerstil loszulassen, der seinen Namen verdient. Die Anstrengung, „von null auf 180 hochzufahren“, ist ihm deutlich anzusehen. Doch genauso schnell findet er wieder zum Ruhezustand zurück und nimmt uns mit in das Kung-Fu-Training einer reinen Mädchengruppe. Zehn barfüßige Kinder und Assistentin Lotte demonstrieren die „Drachenatmung“ und geben zischende Geräusche von sich. Bei „Atemübung Nummer 4“ tragen sie mit nach oben gewandten Handflächen buchstäblich den Himmel, während die Übung einer Reihe von Kicks mit dem rechten Bein die gute Balance der Schülerinnen unter Beweis stellt. Es geht konzentriert und diszipliniert zu, ohne dass der Spaß zu kurz kommt. Das liegt auch an den spielerischen Sequenzen zwischendurch und Sebastians aufmunternden Anweisungen wie „Lauter Atmen!“ und „Geht mal an die Grenzen!“. Genau diese innere Wachstumsmöglichkeit fasziniert Lotte, seit sie im Alter von sechs Jahren durch eine Freundin zur Kampfkunst kam, erzählt die 14-Jährige in einer Trainingspause. „Es macht mir Spaß, Grenzen zu überwinden, an mir zu arbeiten oder Fehler zu korrigieren.“ Inzwischen trägt sie einen Grüngurt in Kung Fu Wu Shu und genießt es, als Assistentin Verantwortung für die Jüngeren zu übernehmen und ihnen etwas beizubringen, ganz ohne Druck und Angst, dafür mit einem verbindenden „Wir-Gefühl“.

In der Taiwan Do Akademie wird Kindern die Fähigkeit vermittelt, selbstwirksam zu handeln.

„Wir sorgen in der Akademie für einen klar strukturierten Ablauf, damit Kinder Selbstdisziplin erwerben. Diese hilft im Gegensatz zu äußerer Disziplin, selbstwirksam zu handeln. Es ist natürlich gut, wenn man so früh wie möglich beginnt, aber wir haben hier auch viele, die später eingestiegen sind“, erläutert Mario Frerker den pädagogischen Ansatz der Sportschule, die außer in Krefeld noch an mehreren anderen Orten am Niederrhein und im Ruhrgebiet vertreten ist. So biete Tai Chi Chuan für die Generation 50plus einen traditionellen chinesischen Weg zu besserer Gesundheit und Körperkräftigung, verbunden mit Meditation und philosophischen Übungen. Das dabei entstehende Miteinander spüren wir selbst, weil Trainer wie Christian Focke oder Kunden wie Dr. Reza Röttges den Kopf durch die Bürotür stecken, um Hallo zu sagen oder ins Interview einzusteigen. Der Mediziner ist bei der Suche nach einer sportlichen Herausforderung für seine Kinder zufällig bei Taiwan Do gelandet. „Jetzt schätze ich diesen friedfertigen Sport sehr, weil er statt auf Aggression auf Harmonie setzt. Keiner wird ausgeschlossen, alle werden respektiert.“ Für Kinder seien Disziplin und innere Stärke wichtige Fähigkeiten für das Leben: „Sie lernen, sich im Notfall zu verteidigen oder für jemand anderen einzustehen als Ultima Ratio. Und in der Schule können sie dem Unterricht besser folgen.“

Um vor dem nächsten Training nun endlich die Frage zu beantworten, wie man Shi Zhu wird, rasen wir im Zeitraffer durch eine Biografie, die am 9. April 1959 in Oberhausen beginnt. Es ist das Jahr, in dem der Dalai Lama von Tibet nach Indien ins Exil flüchtet – für Mario, der einen Hang zu „pragmatischer Mystik“ hat, ein besonderes Zeichen. Schon als Teenager entdeckt der sportliche Schüler, dass es ihm Freude macht, andere zu unterrichten; mit 17 Jahren kann er bereits seinen Lebensunterhalt davon bestreiten. Er liest viel und entwickelt sich permanent weiter: „1975 lernte ich meinen chinesischen Lehrer kennen: Chen Tao Tze, Träger des 10. Toan und bekannt als Tiger von Taiwan. Bei ihm begann ich meine langjährige Ausbildung in Kampfkunst und Gesundheitslehre.“ Es folgen zwei Schwarzgurtprüfungen, Engagements in Sportvereinen, eine erste Reise nach Japan und China, aber auch gesundheitliche Probleme, die sich durch Tai Chi Chuan verbessern. Die Idee für Taiwan Do ist geboren. Neben der 1981 gegründeten Akademie übernimmt er Lehraufträge, schreibt Bücher und tritt im Fernsehen auf. Im Aktuellen Sportstudio zeigt er den gefährlichen Scherensprung, der bei YouTube noch abrufbar ist. Dass ihm das Lehren in Fleisch und Blut übergegangen ist, beweisen seine Mini-Referate, die er bei Fragen parat hält. Ein Beispiel: „Es gibt zehn Meistergrade im Taiwan Do, die als Toan bezeichnet werden. Ab dem 3. Toan wird der Titel ‚Shi Fu‘ für ehrenvolle Lehrer verliehen, dann folgen ‚Da Shi Fu‘ als Großmeister und ‚Kong Shi Fu‘ ab dem 7. Toan. Ein ‚Shi Zhu‘ ist ein Stilbegründer.“ Wir könnten noch stundenlang zuhören, doch der Platz für diese Geschichte ist leider auf drei Seiten begrenzt. Zum Abschied gibt es nicht nur die Schuhe als Geschenk, sondern auch eine Visitenkarte mit dem Aufdruck eines roten Drachen. Zu lesen ist das Zitat „Nec cupio, nec timeo, quia liber sum“ (Ich begehre nicht, ich fürchte nicht, weil ich frei bin). Weise Lehrmeister sind halt nicht immer fiktiv!

Fotos: Felix Burandt
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