David Olszewski

Liegenbleiben ist keine Option

Aus schwierigsten privaten Umständen zum Modedesigner und Buchautor: David Olszewski.

Seine Geschichte beginnt nicht im Rampenlicht der glitzernden Modewelt, sondern im Schatten. David Olszewski alias Nuri wächst als Einzelkind in der Krefelder City auf – zwischen familiären Lügen, Alkoholismus und dem Schweigen über seine Herkunft. Erst im absoluten Stillstand, verursacht durch den Tod des Stiefvaters, die schwere Erkrankung seiner Mutter und Monate im Rollstuhl, erkennt der heutige Designer, dass er sein Leben selbst in die Hand nehmen muss. In seinem Buch „Imparable“ erzählt der 33-Jährige von Brüchen, Neuanfängen und dem Willen, aus dem Nichts etwas Eigenes zu formen. Inklusive der Gründung einer Modemarke.

Das kurze Briefing der Redaktion – mit Schlagwörtern wie Beinbruch, Krebsdiagnose, Depressionen und Rückschläge – lässt keine große Freude aufkommen. Doch schon das Telefonat mit David Olszewski offenbart einen optimistisch auftretenden Menschen, der Lösungen sucht und einen ungewöhnlichen Treffpunkt vorschlägt. Wir verabreden uns im neuen Dinner-Club „Teo’s Sorrento“ – und erkennen rasch, dass diese Wahl kein Zufall ist. Der „waschechte Krefelder“ kommt gerade von der Arbeit im Rathaus, ist mit dem Inhaber befreundet und überreicht mir ein Buch, das wie ein Schatz sorgfältig in Seidenpapier eingeschlagen ist. „Imparable – Unaufhaltsam“ steht auf dem markanten Cover, es verspricht eine Mischung aus Autobiografie und Motivationsratgeber für alle, die sich „leer fühlen und trotzdem weitermachen“. Die Geschichte werde aufwühlen, aber auch daran erinnern, dass es sich lohne, Zweifel und Narben zu überwinden, sagt der Autor, dessen Affinität zu Mode kaum zu übersehen ist. „Das ist alles von mir, ich bin sehr kreativ unterwegs“, fügt er hinzu und deutet auf die Designer-Tasche aus Leder und eine selbst genähte Jeans mit Glitzersteinen, bevor wir in sein bewegtes Leben eintauchen.

Mit leiser Stimme erzählt der 33-jährige David von einer geborgenen Kindheit mit Fußballspielen, Mamas Dampfnudeln und Süßigkeiten vom Büdchen. Als der freundliche Mann, den er für seinen Vater hält,beim gemeinsamen Inlineskaten stürzt und sich das Bein bricht, wendet sich das Blatt: Robert verliert seinen Job, fängt an zu trinken und entwickelt sich immer mehr zum tyrannischen Familienoberhaupt. „Ich habe mich angepasst, lief quasi wie auf Eierschalen, damit es keinen Ärger gab.“ Diese Zurückhaltung definiert ihn bis heute, sie ist aber mit einer starken Resilienz gepaart, die ihm hilft, schwierige Situationen zu meistern. „Es gab Gerüchte, dass Robert nicht mein Vater ist. Er selbst hat mich oft ‚angebrannte Kartoffel‘ genannt, weil meine Hautfarbe dunkler ist“, erzählt David sachlich von der ersten Krise in seinem Leben. Er ist 21 Jahre alt, als er Robert tot in dessen Wohnung auffindet – und sich auf die Suche nach seinen Wurzeln macht, weil er keine Fassade mehr aufrechterhalten muss. „Nach nächtelanger Recherche habe ich über Facebook meinen richtigen Vater gefunden. Er stammt aus dem Iran, und ich trage jetzt seinen Namen Nuri als Künstlernamen.“ In den dunklen Augen spiegeln sich Trauer und Erleichterung, Wut findet sich darin nicht: „Meine Mutter wollte nur das Beste für mich, auch mein Stiefvater meinte es gut.“

Mit seiner Modemarke „Imparable Officiel“ hat er schmerzhafte Erfahrung in Stoff übersetzt.

Der ehemalige Schuh- und Modeverkäufer, der eine Ausbildung bei SinnLeffers absolvierte und irgendwann der „Karl Lagerfeld von Krefeld“ sein möchte, arbeitet im Sicherheitsdienst bei der Stadtverwaltung. „Ich will mich um meine Mutter kümmern, die an Krebs erkrankt ist und bereits mehrere Tumor-Operationen überstehen musste.“ Auf die Frage, ob er angesichts der psychischen Belastungen jemals eine Therapie gemacht hat, antwortet David erstaunt: „Nein, das kommt alles aus eigener Kraft. Und aus Büchern wie ‚Das Café am Ende der Welt‘ von John Strelecky.“ Sein eigenes Werk verrät, wie tief der Schmerz sein muss, zumal ihn ein Beinbruch für Monate in den Rollstuhl zwang. Er schreibt in Kapitel 9: „Der Gips fühlte sich an wie eine Last aus Blei, die mich an den Boden fesselte. Mein bisheriges Leben war von Bewegung definiert. Jetzt herrschte Stillstand.“ Soll er nun aufgeben? Oder irgendwie weitermachen? David entscheidet sich am Ende dafür, dass Liegenbleiben keine Option sein darf. Sein Herz gehört seit Jahren der Mode, also bringt er sich selbst Nähen bei, lernt zu sticken und beschäftigt sich mit Stoffen wie Baumwolle, Denim und Leder. „Auch Schmerz kann Rohmaterial sein“, beschreibt er seine Motivation, als Kleinunternehmer die Luxusmarke „Imparable Officiel“ zu gründen. „Ich habe meine Erfahrungen in Stoff übersetzt – nicht um Trends zu bedienen, sondern um Identität und Haltung sichtbar zu machen.“ Seine Entwürfe sind streng limitiert, die ersten italienischen Rapper tragen seine Hosen bereits, und das maritim anmutende Logo vereint Steuerrad, Kompass und Flügel. Abgehoben wirkt David Olszewski jedoch nicht, eher wie ein erfahrener Kapitän, der Sturm und Wellen trotzt. Die Zukunft kann kommen!

Fotos: Lucas Coersten
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