
Feuerwehrleute sind wahre Allroundtalente: Sie löschen, bergen, retten und schützen. Ob Brand, Unfall, Sturm, Tierrettung oder Umweltschaden, ob hauptberuflich oder im Ehrenamt – ohne gut ausgebildete Menschen, die sich in eine Gefahrenlage begeben und helfen, weil jemand die 112 gewählt hat, wäre es bei uns chaotisch und weniger sicher. Andrea Baden und Stephanie Hänsel behaupten sich seit Jahren in einer Männerdomäne und sind bei der Freiwilligen Feuerwehr in Uerdingen und Fischeln aktiv. Während 10.000 Fans den Meistertitel des KEV feierten, sprachen sie in der Hauptfeuer- und Rettungswache genauso begeistert über Teamgeist, Leidenschaft, bewegende Momente und ein kleines Pinkelpausen-Problem.
Die meisten Feuerwehrfrauen wollen als Person und nicht als Angehörige eines Geschlechts wahr- und ernstgenommen werden – das ergab eine empirische Studie aus dem Jahr 2007 zum Thema „Mädchen & Frauen bei der Feuerwehr“. Auch Andrea Baden und Stephanie Hänsel sehen sich als ganz normale Frauen, die „Bock auf Feuerwehr“ haben und können mit dem Gewese um ihr ehrenamtliches Engagement so gar nichts anfangen. In robusten schwarzen Stiefeln und der offiziellen Dienstkleidung für den Tagesdienst, die offensichtlich für Männer gefertigt wurde und sehr locker sitzt, stellen sich die beiden Frauen für ein Foto auf und blicken gelassen in die Kamera. Dass die Jahre bei der Freiwilligen Feuerwehr Krefeld tiefe Spuren hinterlassen haben, merkt man schon an ihrer Sprache: Typische Abkürzungen wie HuPF (Herstellungs- und Prüfungsbeschreibung für eine universelle Feuerwehrschutzkleidung, die im Einsatz getragen wird), Iuk (Informations- und Kommunikationseinheit) oder G26.3 (verpflichtende arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchung für Atemschutzgeräteträger bei der Feuerwehr) gehen ihnen leicht über die Lippen und zeigen, dass enorme Expertise vorhanden ist.
Fachwissen, das – neben körperlicher Fitness, mentaler Stärke und ausgeprägter Hilfsbereitschaft – angesichts der gestiegenen Wahrscheinlichkeit von Gefahren wie Unwetter, Sturm, Hochwasser oder Stromausfällen auch dringend benötigt wird. „Wenn der Piepser geht, geht der Piepser“, sagt Steffi mit fester Stimme zum Meldeempfänger am Gürtel und betont, dass ihr zeitaufwändiges Hobby einen ernsten Hintergrund hat. „Ob Berufsfeuerwehr oder Freiwillige Feuerwehr – wir machen das hier mit Herzblut und stehen zu 100 Prozent dahinter!“ Da überrascht es nicht, dass in der Truppe auch enge Freundschaften entstehen und beide Frauen die Feuerwehr als „kleine Familie“ bezeichnen, in der man sich blind vertraut und aufeinander verlässt. „Mein Trupp-Partner ist meine Lebensversicherung“, resümiert Andrea lakonisch, bevor wir in eine Welt eintauchen, die von diversen Risiken, notwendiger Hierarchie, viel Technik und noch mehr Männern geprägt ist.
Denn Frauen sind bei der Feuerwehr stark unterrepräsentiert, ihr Anteil liegt deutlich niedriger als bei Polizei, Rettungsdienst oder Bundeswehr. Laut aktuellen Zahlen engagieren sich deutschlandweit gut eine Million Menschen in den Freiwilligen Feuerwehren, darunter sind knapp 110.000 Frauen – nur um die elf Prozent. Bei den Berufsfeuerwehren liegt die Quote sogar bei unter drei Prozent. In der Jugendfeuerwehr sieht es mit immerhin gut 30 Prozent Mädchenanteil schon deutlich besser aus. Für Rollenklischees und das Vorurteil, dass Frauen für die Aufgaben im Einsatz zu schwach sein könnten, haben Andrea und Stephanie nur ein müdes Lächeln übrig. Sie zeigen sich eher fasziniert von der großen Vielfalt, Kompetenzen zu entwickeln, technische Geräte wie Drohnen und „riesige“ Einsatzleitwagen einzusetzen oder Aufstiegsmöglichkeiten zu nutzen.

Die Hürden für einen Einstieg bei der Feuerwehr sind niedriger als gedacht. „Einfach mal hingehen“ rät Stephanie, die schon vor über zwanzig Jahren über einen Freund bei der Freiwilligen Feuerwehr in Fischeln landete und sich im Moment auf die schon erwähnte Einheit IuK (Information und Kommunikation) spezialisiert. Daher weiß sie auch: „Um Mitglied in der Freiwilligen Feuerwehr Krefeld zu werden, sollte man in einem der Stadtteile Uerdingen, Oppum, Fischeln, Hüls, Gellep-Stratum oder Traar wohnen, mindestens 18 Jahre alt und körperlich gesund und fit sein. Wer sich für die Berufsfeuerwehr interessiert, kann sich auf mögliche offene Stellen im Krefelder Stellenmarkt auf der Webseite bewerben.“ Voraussetzung für die 18-monatige Ausbildung zum Brandmeister oder zur Brandmeisterin im Fachbereich Feuerwehr und Zivilschutz sind ein Hauptschulabschluss, eine abgeschlossene, für den feuerwehrtechnischen Dienst förderliche Ausbildung und das Deutsche Schwimmabzeichen in Silber. Bei Andrea war es die Suche nach einem sinnvollen Hobby, die sie im Jahr 2019 zur Feuerwache 2 nach Uerdingen führte. „Eigentlich wollte ich nur fragen, ob ich auf dem Gelände einen Igel auswildern könnte“, erinnert sich die 39-jährige ehemalige Tierpflegerin lächelnd. „Dann habe ich mir das Ganze angeguckt und bin dabei geblieben.“
Bevor es an die umfangreiche Grundausbildung mit theoretischen und praktischen Modulen wie Sprechfunk und Atemschutz geht, können sich Bewerber und Einheit in der Regel ein halbes Jahr lang „beschnuppern“, erzählt Steffi . „Es sei denn, man wechselt direkt aus der Jugendfeuerwehr zu uns.“ Alle zwei Wochen finden von 19 bis 22 Uhr Übungsdienste statt, dazu können weitere Termine kommen wie bei der Einheit SEG (Schnell-Einsatzgruppe) Messen, die bei Gefahrgutunfällen oder Bränden mit Schadstoff-Freisetzung Luftmessungen durchführt. Hier werde die Entnahme von Proben oder der Umgang mit Spezialfahrzeugen trainiert, so die studierte Sozialwissenschaftlerin. Sowohl Andrea als auch Stephanie freuen sich über Wertschätzung, die sie oft aus der Bevölkerung erfahren. Von Zuschauerapplaus an den Tagen nach dem verheerenden Brand im Krefelder Zoo, der noch heute bei beiden Gänsehaut auslöst, über Kaffee oder ein spontan spendiertes Eis bis hin zu Dankbarkeit in den Gesichtern – es sind solche Momente, die vergessen lassen, wie hoch die psychische Belastung sein kann. In solchen Fällen bietet ein PSU-Team (Psychosoziale Unterstützung) kollegiale Hilfe zur Stressbewältigung an und unterstützt dabei, traumatische Erlebnisse zu verarbeiten, um psychische Langzeitfolgen zu verhindern. „Nach dem Verkehrsunfall in Gellep-Stratum, bei dem auf einem Friedhofsparkplatz zwei Menschen tödlich verletzt wurden, ist bestimmt niemand zufrieden nach Hause gegangen“, sagt Andrea nachdenklich. Sport, Gespräche oder eine längere Runde mit dem Hund seien dann besonders hilfreich.
Auch im neulich gegründeten Netzwerk der Krefelder Feuerwehrfrauen steht regelmäßiger Austausch im Vordergrund. „Wir gehen alle zwei Monate gemeinsam essen und sprechen über das, was wir in Ausbildung und Einsatz erleben“, berichtet Steffi . Zudem werde gemeinsam nach Lösungen für frauenspezifische Themen gesucht, nennt Kollegin Andrea mit einem Augenzwinkern einige Beispiele: „Wenn ein Einsatz mehrere Stunden dauert, können wir Frauen uns nicht mal eben ins Gebüsch verziehen, allein die HuPF mit Jacke und Hosenträger ist eine Herausforderung. Das nervt schon. Und da wir uns alle in der Fahrzeughalle umziehen, beraten wir in der Gruppe, welche Kleidung man am besten drunter trägt.“ So ganz geht es dann doch nicht ohne Geschlechterstereotype.
Für Männer, Frauen und Kinder öffnet die Feuerwehr Krefeld am 6. September die Tore der Hauptfeuer- und Rettungswache: „Von 11 bis 17 Uhr könnt ihr einen Blick hinter die Kulissen werfen, unsere Fahrzeuge und Technik entdecken und mit unseren Einsatzkräften ins Gespräch kommen – egal ob Feuerwehr, Rettungsdienst oder Katastrophen- und Zivilschutz“, versprechen erste Postings auf Social Media. Vielleicht steht ja der Song „MfG“ von den Fantastischen Vier auf der Playlist. Damit man sich gleich an Abkürzungen und Akronyme gewöhnt.

Fotos: Felix Burandt

