Editorial

Liebe CREVELTer,

eine Lotterie zeichnet sich dadurch aus, dass Gewinnerzahlen nach dem Zufallsprinzip gezogen werden. Was darf man also davon halten, das die SKL bei der Ermittlung der glücklichsten Städte Deutschlands ausgerechnet Krefeld, die Heimat notorischer Meckerfritzen, auf Rang 5 platzierte? Dass eher strukturschwache Städte wie Kassel und Erfurt das Spitzenduo bilden, Vorzeigemetropolen wie München (Platz 24), Hamburg oder Düsseldorf (Platz 8) aber weitab der oberen Ränge zu finden sind, vergrößert die Verwunderung noch. Laut den Urhebern der Studie vom Institut für Demoskopie Allensbach belege die Wertung, dass „objektive Indikatoren“ wie Einkommen, Infrastruktur und Wirtschaftskraft nicht allein entscheidend für die Zufriedenheit seien. Stattdessen seien für die Einwohner der Spitzengruppe eher weiche, schwer messbare Faktoren wie Atmosphäre und Ruhe oder auch die Zahl der Grünflächen, Grundschulen und KiTas wesentlich für das gute Lebensgefühl gewesen.

Der Krefelder dürfte angesichts dieses Ergebnisses in eine mittlere Wahrnehmungskrise stürzen – oder mal wieder eine Verschwörung wittern. Sollte er sich etwa eingestehen müssen, dass Schlaglöcher, Surfparks, Dönerläden, Theaterplätze und Drogenhilfezentren gar keinen negativen Einfluss auf seine Lebensqualität haben – oder zumindest einen viel geringeren, als er sich, abgelenkt von den Dauerrants, die er in die soziale Netzwerke ergießt, selbst eingestehen mag? Sollte er zugeben müssen, dass dieses Gefühl, das er tief in seinem Herzen spürt, tatsächlich Liebe ist? Eine Liebe, die auch die Frustration über die Unwägbarkeiten des Lebens im 21. Jahrhundert nicht erkalten lassen kann? Sollte er der erleuchtenden Erkenntnis teilhaftig werden, dass er als Krefelder mitnichten vom Schicksal bestraft wurde, sondern das Leben auch in anderen Städten nicht immer nur Friede-Freude-Eierkuchen ist? Dass Schlaglöcher keine Erfindung unseres schadenfrohen Oberbürgermeisters sind, sondern auch Autofahrer in anderen Städten plagen?

Wir wissen es nicht, vermuten aber, dass die Veröffentlichung dieser Zahlen die sattsam bekannten Reaktionen auslösen wird. Der Krefelder kann halt nicht raus aus seiner Haut. Vielleicht sollte man Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ zur Pflichtlektüre in Krefelder Schulen machen, um Abhilfe zu schaffen.

Wir können über die Auswüchse der Krefelder Selbstgeißelung nur Schmunzeln – und genauso geht es den meisten Menschen, die wir jeden Monat hier treffen und die sich nicht etwa als Gestrandete fühlen, sondern sich ganz bewusst zu Krefeld bekennen, mit all seinen Schwächen und Stärken. Dieter Hofmann zum Beispiel, der sein ganzes Leben in Uerdingen verbrachte und mit seiner ehrenamtlichen Tätigkeit einen Beitrag dazu leistete, dass man Krefeld immer wieder mit Fug und Recht als „Sportstadt“ bezeichnet. Oder Jochen Adrian, Heinrich Rungelrath, Jens Sattler und Bernd Scheelen vom Stadtsportbund und Kulturrat, die mit guten Ideen die Vernetzung zweier sonst meist getrennt gedachter Bereiche vorantreiben. Oder Thomas Hörren, der zusammen mit dem Entomologischen Verein weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit dafür sorgt, Krefeld auf der Weltkarte der Wissenschaft zu platzieren. Was wir damit sagen wollen? Vielleicht täte es so manchem Social-Media-Schreihals einmal gut, innezuhalten, und sich zu überlegen, wie es wohl wäre, wenn er sich in der Situation von Nadejda Serbescu wiederfände: Weitab der niederrheinischen Heimat, in einer fremden Kultur, würde er vielleicht merken, was ihm Krefeld tatsächlich bedeutet. Wer weiß?

Auf das Glück – viel Spaß beim Lesen wünschen

Ihr Michael Neppeßen, David Kordes & Torsten Feuring

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