Schlossfestspiele Neersen

„Ver-rückte Welt“

Intendant Jan Bodinus und Schauspieler Kalle Pohl.

Laue Sommerabende und bekannte Fernsehgesichter: Bis zum 6. August finden am Niederrhein die Schlossfestspiele Neersen statt. In diesem Jahr hat Intendant Jan Bodinus den Spielplan unter das Motto „Ver-rückte Welt“ gestellt. Denn in spannenden Zeiten mit großen Veränderungen will er die Besucher mit Zuversicht in die Zukunft blicken lassen. So bieten die Komödien „Der Geizige“ und „Plötzlich Shakespeare“ Unterhaltung mit Tiefgang, und „Biene Maja“ nimmt Jung und Alt mit auf eine Reise durch ihre wunderbare Welt. Einige Highlights, wie die Hommage an Udo Jürgens, sind bereits ausverkauft. Wer eine Uraufführung und Stars wie Kalle Pohl oder Ralph Morgenstern live bestaunen möchte, sollte sich besser beeilen.

12 Uhr mittags, die Frühlingssonne lacht. Wir fahren zum Interview nach Neersen, in den kleinsten Stadtteil von Willich. Der Ort zwischen Krefeld und Mönchengladbach liegt nah an einem Autobahnkreuz, das beinahe täglich in den Verkehrsmeldungen auftaucht. Noch bekannter dürfte aber das Freiluft-Theaterfestival im Innenhof des Schlosses sein – es zieht schon seit 1984 Besucher und Gaststars gleichermaßen an. Das liegt auch am langjährigen Intendanten Jan Bodinus – gerade hat er seinen Vertrag für fünf weitere Jahre verlängert – , der an diesem Donnerstag den fernsehbekannten Kabarettisten und Schauspieler Kalle Pohl mitgebracht hat. Beide sind theatertypisch ganz in Schwarz gekleidet, nur die bunten Sneakers fallen etwas aus der Rolle. Dass die zwei seit Jahren erfolgreich zusammenarbeiten, lässt sich am gegenseitigen Gefrozzel ablesen. Und an ihrer Vorliebe für gute gesellschaftskritische Komödien.

„Lachen öffnet die Köpfe“, weiß Pohl.

„Lachen öffnet die Köpfe“, sagt Kalle Pohl bestimmt und freut sich sichtlich über seine Hauptrolle im Klassiker „Der Geizige“. Jean-Baptiste Molière habe Ende des 17. Jahrhunderts eine zeitlose Gesellschaftskomödie geschaffen, die 1980 in der Verfilmung „Der Geizkragen“ mit Louis de Funès ihren Höhepunkt fand. Bei der Suche nach einem Stück stellte sich heraus, dass Bodinus und Pohl beide Fans des französischen Komikers sind. „Heute wird die Kunst von de Funès an den Filmhochschulen gelehrt“, schwärmt Pohl mit leuchtenden Augen, die für die Bühnenperformance einige Anleihen an das filmische Vorbild erwarten lassen. Die beliebte Theaterkomödie habe mit den Tabuthemen „Geiz und Geld“ zwar einen ernsten Hintergrund, wirft Bodinus ein. „Aber unsere modernisierte Fassung inklusive Smartphones und Online-Shopping ist einfach wahnsinnig komisch. In der Rolle des geizigen Harpagon kann sich jeder erkennen und bei uns einen wunderbaren Abend erleben.“ Wir tauchen kurz ab in eine politisch angehauchte Diskussion über Inflation, Wohnungsmangel, gierige Konzerne und die Frage, ob es nicht vielleicht notwendig sei, eine Übergewinnsteuer einzuführen wie in Frankreich oder Großbritannien. Und im Laufe des Gesprächs wird immer wieder deutlich, dass beide Künstler mit ihrem Schaffen sowohl Probleme aufzeigen als auch Menschen zum Lachen bringen wollen. Auch wenn Komödie deutlich schwieriger sei, ist sich das Duo einig. Bodinus zieht den augenzwinkernden Vergleich zu einem Soufflé, das „leicht und fluffig schmecken“ und nicht zusammenfallen solle.

Um Molières Kollegen William Shakespeare geht es im zweiten Abendstück „Plötzlich Shakespeare“ nach dem Erfolgsroman von David Safier. „Wir dürfen diese rasante Zeitreisen-Komödie nicht nur als erstes Theater bundesweit aufführen, uns ist es auch gelungen, mit Ralph Morgenstern einen prominenten, äußerst sympathischen Darsteller zu gewinnen“, weist Regisseur Bodinus mit einigem Stolz auf diese Uraufführung hin. Der Inhalt verspricht einige Turbulenzen: „Die liebeskranke Rosa wird per Hypnose in ein früheres Leben versetzt. In den Körper eines Mannes, der sich gerade duelliert: William Shakespeare, im Jahr 1594. Rosa darf erst wieder zurück, wenn sie herausgefunden hat, was die wahre Liebe ist.“ Ab Juni könne man Morgenstern übrigens nicht nur live auf der Bühne, sondern auch als Moderator des neuen Formats „Die Haustierprofis“ im ARD-Nachmittagsprogramm erleben.

Das Kinder- und Familientheaterstück „Die Biene Maja“ nach dem Buch von Waldemar Bonsels biete „tolle Songs und ein tolles Ensemble“, resümiert Bodinus, bevor er sich auf den Weg zu einem verspäteten Frühstück macht. Es sei ein wunderbares Stück über Freundschaft, die Natur und ihre vielen Bewohner und spreche auch ältere Kinder an. „Majas Abenteuer außerhalb des Bienenstocks bestehen häufig darin, dass sie anderen Insekten begegnet und mit deren Ansichten und Gewohnheiten konfrontiert wird.“ Aus der naiven und unerfahrenen Reisenden werde am Ende eine vernünftige und erfahrene Biene, die Verantwortung trage.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz hören wir ein leichtes Summen aus dem Park hinter der Theaterkasse. Vielleicht der dezente Hinweis von Majas Freunden, sich rechtzeitig Tickets zu sichern? Denn neben dem bunten und vielfältigen Spielplan locken auch ein durch Mikroports verstärkter Sound und neue LED-Scheinwerfer auf die Tribüne vor dem Schloss. Ob wir nach dem Besuch glücklich oder traurig sein werden, steht noch nicht fest. Doch Tränen im Auge, Wärme im Herzen und Muskelkater im Bauch sind zu erwarten.

Schlossfestspiele Neersen
Kulturteam
Hauptstraße 6
47877 Willich
Telefon: 02156 – 949 132
Theaterkasse: Mo – Fr von 09:00 bis 12:30 Uhr
festspiele-neersen.de

Fotos: Felix Burandt
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