
Über drei Jahrzehnte formte Lothar Krenge aus der kleinen Krefelder Spedition Bönders einen erfolgreichen, weltweit tätigen Logistikdienstleister. Seit seinem Abschied in den Ruhestand vor etwa vier Jahren beobachtet er das Treiben auf dem Firmengelände nur noch aus einem eigens für ihn aufgestellten Container. Und freut sich, dass sein Werk bei seinen Nachfolgern in guten Händen ist.
Was braucht es, um erfolgreich zu sein? Fleiß, Ehrgeiz, Talent? Fragt man Lothar Krenge, klingt die Antwort zunächst verblüffend einfach: Sein, Schein und Schwein. „Sein bedeutet, dass du etwas können musst. Schein heißt, dass du das, was du kannst, gut verkaufen musst. Und dann brauchst du immer noch eine Portion Glück“, erklärt er. Krenge bringt reichlich Können und kaufmännisches Geschick mit. Aber er weiß auch ganz genau, dass er manchmal einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.
Schon dass Krenge überhaupt in der Logistik landete, war ein Glücksfall, auch wenn er das damals sicher anders sah. Der gebürtige Braunschweiger hatte das Gymnasium vorzeitig verlassen und eine Laufbahn als Siebdrucker angestrebt. Sein Vater hielt davon allerdings wenig und besorgte ihm eine Lehrstelle bei Kühne + Nagel. Dort durfte Krenge schon als Auszubildender Verantwortung übernehmen und entdeckte seine Begeisterung für die Logistik: „Ich bin da richtig aufgegangen. Nach ein paar Monaten hat man mich nichtwiedererkannt“, schwärmt er. Die Freude daran, Neues aufzubauen und eigene Ideen umzusetzen, führte ihn unter anderem nach Asien und schließlich nach Krefeld, wo er 1987 als Geschäftsführer in die Spedition Bönders einstieg.

Aus dem kleinen Fuhrunternehmen machte er eine Logistikgruppe, zu der heute neben der Bönders Spedition unter anderem BKB Globe, die SKB System Logistik und die Immobiliengesellschaften Krenge & Bönders gehören. Sein Ansatz: nicht nur transportieren, sondern sich so tief in die Abläufe der Kunden einbinden, dass man kaum zu ersetzen ist. Für BMW arbeitet das Unternehmen so seit fast 40 Jahren. Vielseitig interessiert, erkannte Krenge oft frühzeitig die Chancen technischen und gesellschaftlichen Wandels. Aber er scheute auch das Risiko nicht. Schon kurz nach seinem Start kündigte er etwa dem Stahlgiganten Thyssen, als sich der Auftrag nicht mehr rechnete. Kurz nach der Wiedervereinigung belieferte Bönders ganz Ostdeutschland mit Dachfenstern, als andere Spediteure wegen der schlechten Infrastruktur noch abwinkten. Und als Tchibo in den 1990er-Jahren den Schritt in den Lebensmitteleinzelhandel wagte, organisierte Bönders einen zweijährigen Logistiktest mit einer Zustellquote von bis zu 99 Prozent. „Ich habe den Betrieb bestimmt fünfmal komplett umgekrempelt“, schätzt er.
Dass er Menschen für eine Sache begeistern kann, wurde ihm schon früh bewusst. Diese Wirkung nutzte Krenge aber nicht, um zu kontrollieren, sondern um Vertrauen aufzubauen. „Ich wollte immer, dass meine Mitarbeiter morgens gerne zur Arbeit kommen und abends nur ungern wieder gehen.“ Dafür übertrug er Verantwortung und ermutigte seine Leute, selbst zu entscheiden: „Man trifft nie eine falsche Entscheidung. In dem Moment, in dem man sie trifft, hat man alles berücksichtigt, was man wissen konnte.“ Erwies sich eine Entscheidung später als falsch, löste er das Problem gemeinsam mit seinen Mitarbeitern. Homeoffice und flexible Arbeitszeiten ermöglichte er, langebevor Unternehmen damit um Fachkräfte warben. Und zu Nikolaus überwies er allen Angestellten netto den Betrag, den die Deutschen laut Zeitung im Schnitt für Weihnachtsgeschenke ausgaben. Zugleich verlangte er aber auch viel: „Es reichte mir nicht, der Beste zu sein. Ich wollte, dass wir der Allerbeste sind.“ Mit Erfolg: „Von unseren Krefelder Wettbewerbern aus den Anfangstagen ist heute nur noch einer übrig“, berichtet er.

Nach 35 Jahren mit bis zu 100.000 Kilometern im Jahr und kaum mehr als einer Woche Urlaub am Stück zog er vor rund vier Jahren einen klaren Schlussstrich. Zunächst überraschte ihn, wie gut ihm der Ruhestand bekam. Dann erkannte er den Grund: „Ich war mein ganzes Berufsleben fremdbestimmt. Jetzt bestimme nur noch ich über meine Zeit. Und das ist herrlich!“ Heute spielt er Golf, verfolgt weiterhin die wichtigsten Firmenzahlen, mischt sich aber nicht mehr ein. Ein Strahlen huscht über sein Gesicht, als er erzählt, dass ihn die Belegschaft immer noch grüßt, wenn sie ihn auf dem Gelände sieht.
Für seine unternehmerischen Leistungen und sein langjähriges Engagement in der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Krefeld (WFG) wird Lothar Krenge im November mit dem „Krefelder Brassel“ ausgezeichnet. Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) Krefeld vergibt den Unternehmerpreis an Persönlichkeiten, die sich über ihren wirtschaftlichen Erfolg hinaus um den Standort Krefeld verdient gemacht haben. MIT-Kreisvorsitzender Maximilian Becker sieht in Krenge ein Vorbild für ein Unternehmertum, das „Verantwortung nicht an der eigenen Werkstür enden lässt“. Die Ehrung freut ihn ungemein. „Vor allem, dass ich mir am nächsten Morgen keine Gedanken über irgendein neues Problem machen muss. Ich kann die Feier ganz einfach genießen.“ Wieder einmal gilt: Echt Schwein gehabt!

Fotos: Felix Burandt

