
.
Ein Raum, in dem Geschichten live entstehen. Der Austausch von Energie zwischen Bühne und Publikum. Ein Moment, der nie exakt wiederholbar ist. Das Theater bietet eine Mischung aus Unmittelbarkeit, Emotion und Erlebnis, die überall von Besuchern und Schauspielern geschätzt wird – ganz unabhängig von der Größe der Stadt. In Hüls prägt die Theatergruppe „Hölsche Komödie“ seit 1989 das kulturelle Leben; die Bühnenstücke werden dem Namen zum Trotz auf Hochdeutsch gespielt. Mit dem neuen Leiter Sebastian Claessens stehen auch Krimidinner an wechselnden Orten auf dem Spielplan, um Menschen zum Lachen zu bringen. Was Theaterluft für die Laien bedeutet, erfuhren wir bei den Proben zu „Leichenschmaus“.

Nach Café Kornblume und Forsthaus hat die Truppe um Theaterleiter Sebastian Claessens einen neuen stimmungsvollen Spielort gefunden: In der Villa Girmes, bekannt als charmante Hochzeitslocation, wird an diesem Donnerstagabend schon fleißig geprobt. „Ein Testament, drei Verdächtige und jede Menge Leichen im Keller“ sowie „mörderisch gutes Essen“ verspricht der Flyer zur schwarz-humorigen Krimidinner-Komödie, die innerhalb weniger Tage ausverkauft war, sodass selbst treue Stammgäste zunächst leer ausgingen. Doch der gebürtige Krefelder, dessen kreative Leidenschaft schon seit Oberstufenzeiten dem Theater gilt, kann die Fans der Hölschen Komödie beruhigen: „Ich bin in Gesprächen mit weiteren Restaurants, damit wir in diesem Jahr noch zwei bis drei Auftritte unterbringen, bevor im Herbst die Proben für das nächste Bühnenstück beginnen.“ Den Titel will uns der Vertriebsbeauftragte einer Gesundheitskasse, der mit Frau und zwei Kindern in Inrath wohnt, noch nicht verraten. Nur so viel: „Wir spielen nur Stücke, bei denen wir selbst bei jedem Akt lachen müssen. Das Leben bietet schon genug Drama.“ Und so setzen die dreizehn Mitwirkenden der Laienspielgruppe auf Humor und viel Herzblut, damit am Ende der wohlverdiente Applaus erklingt.

Alexandra Schiff und Andrew Harkness gehören mit zum Ensemble der Hölsche Komödie. Weil aktuell in Jeans und T-Shirt geprobt wird, zeigt Sebastian auf dem Smartphone Fotos seiner Krimidinner-Crew: Wilde Perücken, angeklebte Bärte, Gangsterlook oder Proll-Outfit lassen erahnen, wie groß der Kontrast zu den fast biederen Berufen sein muss, den die Laien im alltäglichen Leben ausüben. Ob Anwältin, Bankangestellte oder Mitarbeiter bei Telekom und Arbeitsagentur: „Sie lieben es, auf oder hinter der Bühne zu stehen und den Zuschauern vergnügliche Stunden zu bereiten. Und mit dem Applaus sind alle Anstrengungen der Proben und des Bühnenaufbaus vergessen“, weiß der 46-Jährige, der seit 2018 der Gruppe angehört und im letzten Sommer die Leitung übernahm, weil sein Vorgänger kürzer treten wollte. „Ludwig Croonenbroeck wird aber weiterhin als Darsteller und Handwerker gebraucht“, erklärt der Manager. Denn das heterogene Ensemble, das dem Deutschen Amateur-Theaterverband angeschlossen ist, kümmere sich um „alles selbst“ – inklusive Maske, Kostümfundus, Requisiten, Bühnentechnik und Ticketverkauf. Dazu absolviere man Schminkworkshops, Sprechtrainings und weitere Schulungen, die der Verband anbiete. Auch Tutorials auf YouTube werden geschaut. Zu Beginn habe er den Verwaltungsaufwand unterschätzt, gibt Sebastian lächelnd zu: Mit „Mails bearbeiten“, „Ausfälle kompensieren“ oder „Richtlinien erfüllen“ nennt er Beispiele, die so herausfordernd wie schön sein könnten. So werde ein Waffenmeister gebraucht, sobald auch nur eine Pistole im Stück vorkomme. Zudem zeigt er sich sehr erfreut, dass die Hauptorganisation des Krimidinners inzwischen von Marion Greiffenstein übernommen wurde.

Der Spaß am Theater steht Sebastian quer ins Gesicht geschrieben, auch wenn er sich nach der Schule zunächst gegen seine Passion und für einen bodenständigen Job entschieden hat. Jetzt arbeitet der Familienvater eben in der Freizeit zahlreiche Theaterstücke durch und weiß schon beim Lesen, welche Person für welche Rolle in Betracht kommt. „Marion könnte doch die Unternehmergattin spielen“, denke er dann. „Sie ist selbstsicher und arbeitet bei der Sparkasse.“ Aus zwei bis drei Dutzend Stücken trifft der Leiter eine Vorauswahl, die er mit seinem Team bespricht. Obwohl es offensichtlich harmonisch zugeht, hat die Theatergruppe seit der Pandemie einige Mitspieler verloren: wegen Umzug, Zeitmangel oder Familienzuwachs. „Personell ist es für uns dadurch schwierig geworden, gleichzeitig ein Krimidinner und ein Bühnenstück aufzuführen“, sagt der neue Vorsitzende offen. Ein wichtiges Ziel: Neue Mitwirkende zu finden, um das Ensemble breiter aufzustellen und perspektivisch auch wieder zweigleisig zu fahren. Wer sich von Theaterluft angezogen fühlt, gern Texte lernt und ungefähr zwischen 25 und 50 Jahre alt ist, sei herzlich zum monatlichen Stammtisch der Gruppe eingeladen. „Hier kann man checken, ob die Chemie stimmt, und bei Gefallen zunächst als Souffleur einsteigen“, macht Sebastian Lust auf Mut zur Bühne. Auch hinter den Kulissen werden stets helfende Hände gebraucht. Damit es in Hüls und Umgebung bald wieder heißt: „Theater, Theater, der Vorhang geht auf.“ Und wir Begegnung erleben und lachen können.
Tickets und Termine: hoelsche-komoedie.de
Wegen der großen Nachfrage wird es am 10. Oktober um 19 Uhr ein weiteres Dinner „Leichenschmaus“ in der Villa Girmes geben.

Fotos: Felix Burandt

