
„Die Straße ist bunt“ steht unter dem Bild, das den trist-grauen Boden der Fußgängerzone zeigt. Aber eben auch farbige Konfettischnipsel. Es ist Teil eines Fotoprojekts von Menschen, die in Krefeld auf der Straße leben – oft unsichtbar, vielfach ausgegrenzt und immer ohne ein schützendes Dach über dem Kopf. Als Streetworkerin und Studentin Karla Hannen im Herbst mit einem Rucksack voller Einwegkameras in die Innenstadt loszog, hatte sie nur eine grobe Projektskizze im Kopf. Ihr Ziel: Den Alltag, die Gefühle und Lebenswege genau jener Wohnungslosen zu präsentieren, mit denen sie tagtäglich zusammenarbeitet. Warum sie sich keinen schöneren Beruf vorstellen kann? Weil sie jeden Tag etwas bewirkt und Lösungen findet.
„Die Gesellschaft ist bunt. Keiner gehört in irgendwelche Schubladen oder in die Anonymität weggesperrt“, macht die 29-jährige Studentin gleich zu Beginn unseres Treffens in einem kleinen Café am Ostwall deutlich. Ihre offene Haltung lässt sich auch an der fröhlichen Kleidung, auffälligen Ohrringen oder violett lackierten Fingernägeln ablesen – vor mir sitzt eine aufmerksam zugewandte Frau, die Menschen einfach als Menschen wahrnimmt und trotz ihres Selbstbewusstseins nicht fassen kann, welchen Nerv sie mit der berührenden Ausstellung „Augenblick Krefeld“ getroffen hat. „Ich hatte eigentlich nur eine Handvoll Besucher im Alten Stadtbad erwartet, stattdessen kamen täglich viele Dutzend Menschen, sogar aus Solingen, um die ihnen fremde Lebensrealität meiner Klienten zu sehen und zu verstehen“, staunt Karla Hannen, während ihre Augen leuchten.

In Krefeld gibt es rund 2.000 Personen, die ohne feste Unterkunft auf der Straße leben oder von Wohnungslosigkeit bedroht sind, schätzt die Diakonie Krefeld und Viersen. „Menschen ohne Wohnung begegnen häufig Stigmata und Pauschalisierungen. Die Fotos der Ausstellung schaffen einen Perspektivwechsel, der diese Vorverurteilung durchbrechen kann“, erklärt die Streetworkerin mit fester Stimme. Das gemeinsame Merkmal der 14 Projektteilnehmer: Sie sind wohnungslos und kommen aus Krefeld. Ihre Biografien und Lebensumstände unterscheiden sich jedoch auf den ersten Blick. So reicht die Altersspanne von 19 bis 60 Jahren, Frauen beteiligten sich ebenso wie Männer, Langzeitobdachlose gleichermaßen wie Personen, die erst seit Kurzem auf der Straße leben. Doch haben fast alle mit Sucht, mit psychischen oder seelischen Erkrankungen zu kämpfen, wie die gebürtige Krefelderin weiter erzählt. Die Vielfalt der Fotografen findet sich auch in den Bildern wieder. Sie sind bedrückend, schön, kritisch oder hoffnungsvoll wie der leicht unscharfe Schnappschuss einer Kirche, die als Ruhepol für die „Chaos-Gemeinde“ dient und ironisch mit „Versuch, den Pastor zu fotografieren“ untertitelt ist. „Das Leben wohnungsloser Menschen kann trist, kalt und ungemütlich sein. Dieselben Menschen erleben aber auch freudige Momente, Augenblicke der Leichtigkeit und Schönheit“, weiß Karla, die gemeinsam mit den Teilnehmenden 30 Werke aus über 200 Fotos ausgewählt hat.
Auf die Idee mit der Straßenfotografie brachte sie ein verpflichtendes Uni-Projekt. Die gelernte Erzieherin – „dieser Grundstein ist wichtig“ – studiert im sechsten Semester Soziale Arbeit an der Hochschule Niederrhein und verfügt über praktische Erfahrungen im Jugendstreetwork. „Der Fokus auf Haltungsarbeit, ein respektvoller Blick auf Menschen und vor allem herausfordernde Situationen haben mich schon während der Ausbildung gereizt“, blickt sie auf ihre beruflichen Anfänge beim Kinderschutzbund zurück. „Es liegt mir sehr, Lösungen zu finden und Gefühle zu verstehen.“ Fähigkeiten wie Resilienz, Geduld, Humor und Kreativität werden auf der Straße gebraucht. Die duale Studentin ist momentan im Fachbereich Wohnen der Stadt Krefeld eingesetzt und verbringt viel Zeit außerhalb des Büros bei Menschen, die meist schwere Schicksalsschläge oder Traumata erlebt haben. „Nach der Frühbesprechung ziehen wir los an die üblichen Treffpunkte der Stadt oder auch ins Krankenhaus, wenn dort etwas für einen Klienten zu regeln ist“, beschreibt Karla den Start in ihren Tag. „Je nach Jahreszeit verteilen wir Tee oder Wasser, Sonnencreme oder Schlafsäcke und versuchen, zu den Wohnungslosen eine persönliche Bindung aufzubauen, um die Annahme von Hilfe zu ermöglichen.“

In der Szene sind die Streetworker der Stadt inzwischen bekannt, zumal sie an Orten wie Bahnhof und Notschlafstelle an der Feldstraße präsent und ansprechbar sind. Manchmal reicht schon ein entlastendes Gespräch, oft ist Hilfe bei der Beantragung von Leistungenoder die Begleitung zu Ärzten und Ämtern gefragt. Dabei lebt Karla Hannen ihre professionelle Rolle bewusst aus: „Man muss in diese Aufgabe hineinwachsen und das aushalten können. Mitgefühl ist sehr wichtig, mitleiden sollte man jedoch nicht, um handlungsfähig zu bleiben.“ Es sind intensive Erfahrungen und Geschichten, die lange nachhallen. Da ist die gerade volljährige Schülerin, deren Eltern einfach auswanderten, während sie ihr Abitur in Deutschland machen wollte und einen Weg ins Hilfesystem suchte. Die gesundheitlich schwer angeschlagene Frau, für die ein Rollstuhl organisiert wurde. Oder der langjährige Obdachlose mit Rollator, der von der Straße in ein Pflegeheim umziehen konnte und täglich Fortschritte macht. Wenn Karla sachlich und ruhig von Lausbefall und Schizophrenie erzählt oder Begriffe wie Entgiftung, Drogenkonsum und Grundsicherung wie selbstverständlich in einem Satz verpackt, blitzt immer wieder ihre Wertschätzung für andere durch, die auch in einem stabilen Elternhaus wurzelt. „Wir hatten als Kinder schon Mitspracherechte, und am Küchentisch wurde über Politik diskutiert, alles auf Augenhöhe“, erinnert sich die aktive Hobby-Handballerin lächelnd.
Respekt und echte Begegnungen wünscht sie sich auch im Umgang mit den wohnungs- und obdachlosen Menschen, die wir auf dem Weg durch Fußgängerzonen, an Bahnhöfen und in Hauseingängen wahrnehmen – oder auch nicht: „Auf der Straße schlägt ihnen nicht selten Ablehnung und Ausgrenzung entgegen. Häufig aber werden sie gar nicht erst gesehen. Mit solchen Stereotypen möchte ich aufräumen und Gefühle, Lebenswege und Alltagserfahrungen dieser Menschen transportieren.“ Warum nicht mal eine Person direkt ansprechen, freundlich Hallo sagen und Hilfe anbieten? Sie anschauen und fragen, was konkret gebraucht wird? Und über den eigenen Schatten springen und ein paar Münzen geben, auch wenn das Geld am Ende vielleicht nicht für Essen, sondern für Alkohol oder Drogen verwendet wird? „Konsum ist mit Scham behaftet“, betont Karla Hannen und wirbt ausdrücklich dafür, Würde und Selbstbestimmung zu achten. Ein Unfall, eine Krankheit, Trennung oder Jobverlust können das Leben in nur wenigen Sekunden komplett auf den Kopf stellen und uns ins Straucheln bringen. Die große Resonanz auf die Ausstellung zeigt, dass die Streetworkerin mit ihrer klaren Haltung nicht allein dasteht. Denn „viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Die Straße ist ein guter Anfang.

Fotos: Felix Burandt

