Kilian Seeger

Wie wird man eigentlich… Theaterpädagoge?

Ob im Publikum, auf der Bühne oder hinter den Kulissen – die Kunstform Theater begeistert Menschen seit der Antike. Wie man Laien jeden Alters ins Scheinwerferlicht bringt, Stücke inszeniert oder Workshops aufbaut, weiß Kilian Seeger vom Kresch-Theater. Der gebürtige Krefelder fieberte als Kind bei „Hänsel und Gretel“ mit, tanzte Ballett und sammelte erste Erfahrungen in Schauspiel und Musical, bevor er sich für ein Studium der Theaterpädagogik entschied. Das Thema der Masterarbeit? Hörspiel-Spaziergänge durch seine Heimatstadt. Warum der 31-Jährige gern mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, wie zeitgemäß der Spielplan ist und was der Broadway damit zu tun hat, erfuhren wir in der Fabrik Heeder.

„Theater ist Begegnung, Erleben und Magie – von echten Menschen live auf die Bühne gebracht“, betont Kilian Seeger beim Rundgang durch das ehemalige Fabrikgebäude, während er versucht, den uralten Aufzug zu überlisten und uns mit Kaffee zu versorgen. Passend dazu sind sowohl das riesige Banner an der Fassade als auch die Flyer und Postkarten zum Spielplan liebevoll von einem Grafiker gestaltet worden und „auf gar keinen Fall“ von KI. Kunst sei schließlich sehr am Zeitgeschehen interessiert, sagt der Theaterpädagoge mit aufmerksamem Blick durch runde Brillengläser und einer geschulten Stimme. Und schon ist er mittendrin in seinem Lieblingsthema: „Wie kann ich meine eigene Begeisterung für das Theater weitergeben?“

Sein neuestes Stück „All das Schöne“, dessen Schwerpunkt auf mentaler Gesundheit liegt, interessiere ihn vom Thema her persönlich, in seinen Augen eine Kernvoraussetzung für eine überzeugende Inszenierung. „Es geht um eine Liste mit all den schönen Dingen auf der Welt, für die es sich zu leben lohnt: Eiscreme, Wasserschlachten, länger aufbleiben dürfen oder die Farbe Gelb“, zitiert der Regisseur aus dem Programmheft und schiebt eine rote Postkarte über den Tisch. „Duncan Macmillan hat einen lebensbejahenden Monolog über De-pressionen geschrieben, gänzlich unsentimental und komisch. Dabei findet er das perfekte Gleichgewicht zwischen dem, was einen am Leben verzweifeln lässt, und dem, was es so wunderbar macht. Es wurde sogar schon am Broadway aufgeführt – mit Daniel Radcliffe in der Hauptrolle, der für einen Tony Award nominiert wurde“, strahlt Kilian, dem seine Faszination für das Theater deutlich anzumerken ist. Am meisten gefalle ihm, wie interaktiv dieses Stück angelegt sei: „Der Schauspieler Silas Pfälzer verteilt im Theaterraum Zettel mit Nummern und Sätzen aus der Liste, die er im Verlauf der Vorführung aufrufen wird. Improvisation und Miteinander sind angesagt – und dass sich alle willkommen fühlen und sogar Bestandteil der Inszenierung werden.“

Kilian Seeger: Auf der Bühne wird er zur Rampensau.

Gefragt nach den Voraussetzungen für den Beruf, muss Kilian nicht lange überlegen: „Neben der künstlerischen Eignung sollte man die Fähigkeit mitbringen, andere Menschen wahrzunehmen.“ Die Bundesagentur für Arbeit beschreibt den Job wie folgt: „Theaterpädagogen betreuen Theatergruppen, organisieren Workshops und vermitteln zwischen Theater und Publikum. Sie bereiten Zuschauer auf Vorstellungen vor, erstellen Materialien für Jugendliche, Erwachsene und Kinder, besuchen mit ihnen Proben oder Auff ührungen und diskutieren diese anschließend.“ Dafür notwendige Empathie, Kommunikationsstärke und Teamwork sind soziale Kompetenzen, die der Krefelder – „ich bin ein Innenstadtkind“ – in einer kulturell interessierten Großfamilie gelernt hat. Mit sechs Brüdern und einer Schwester wächst Kilian in einer Großfamilie auf und kommt schon früh mit Theater in Berührung, wie er sich lächelnd erinnert. Bei einem Besuch der Kinderoper „Hänsel und Gretel“ im Stadttheater habe ihn seine Mutter mit Blick auf die Hexe in das Konzept des Schauspiels eingeführt: „Keine Angst, das ist der Rainer, den kennst du!“ Kilian ist sofort vom Theatervirus infiziert, schnuppert als junger Balletttänzer in der Rolle eines Maikäfers bei ‚Max und Moritz‘ Bühnenluft und schreibt einen Wunsch in sein Grundschulbuch: „Ich will eine Uraufführung haben.“ Dieses Ziel habe er inzwischen mehrfach erreicht, erzählt Kilian stolz. Damit habe er auch seine Eltern überraschen können. „Ich war eigentlich ein stilles Kind. Doch auf der Bühne werde ich zur Rampensau. Inzwischen habe ich auch Spaß in der zweiten Reihe.“

Fünf Jahre im Jugendclub des Stadttheaters, in denen er Erfahrungen in Schauspiel, Musical und Requisite sammelt, sowie ein FSJ an einer Krefelder Grundschule festigen seinen Entschluss, beruflich in Richtung Theaterpädagogik zu gehen. „Die Bühne ist ein Ort für eine Stimme. Menschen eine Plattform zu geben, ist ein wichtiger Antrieb für mich.“ Der Austausch mit jungen Menschen reizt ihn dabei besonders: „Über Schulen erreiche ich Kinder und Teenager, die ansonsten nicht ins Theater gehen. Es gibt spannende Themen, ehrliches Feedback und ganz andere Möglichkeiten der Ästhetik.“ Kinder in den Bann zu ziehen, mache große Freude – so habe ein Mädchen im Stück „Die kleine Kuscheltierhexe“ ehrfürchtig geflüstert: „Die kann ja wirklich hexen!“ Wie er das Kind in unserem Gespräch spontan imitiert, lässt schnell den Funken überspringen und zeigt die große Bandbreite der Ausbildung.

„Es gibt zwei Wege, um Theaterpädagog:in zu werden: Studium und Weiterbildung. Beide Wege vermitteln künstlerische, pädagogische und organisatorische Kompetenzen, um in Theatern, Schulen, sozialen Einrichtungen oder der freien Kulturszene tätig zu sein“, schreibt der Bundesverband Theaterpädagogik auf seiner Webseite. Kilian entscheidet sich für die Hochschule Osnabrück und fährt nach der Eignungsprüfung mit zwei Gedanken nach Hause: „Das hat nicht geklappt“ und „Ja, ich will das“. Trotzdem wird er angenommen, studiert mit nur 17 Gleichgesinnten Fächer wie Bewegungslehre, Schauspiel, Stimmtraining, Improvisation sowie Theaterwissenschaften und belegt Regieseminare. Die künstlerische Prüfung für den Bachelorabschluss führt ihn während der Coronazeit ans Schlosstheater Moers, wo er ein digitales Theaterstück über Lieblingslieder realisiert und seine Leidenschaft für Medien ausleben kann. „Wir haben mit Videos, Sprachaufnahmen und Chats gearbeitet und alles auf Takt synchronisiert“, zeigt sich Kilian zufrieden mit dem Ergebnis. Die Masterarbeit im Studiengang ‚Inszenierung der Künste und Medien‘ an der Universität Hildesheim verbindet ebenfalls mehrere Techniken und beschäftigt sich mit der Frage, wie man sein Publikum am künstlerischen Prozess beteilige, sagt der Theaterpädagoge über seine konsequente Ausrichtung auf Kinder- und Jugendprojekte: „Die Hörspiel-Spaziergänge durch die Krefelder Innenstadt können ganz individuell gemacht werden; benötigt werden nur ein Smartphone, Kopfhörer und Lust, auf spielerische Entdeckungstour zu gehen.“ In Zusammenarbeit mit Jannika Lösche, Expertin für Sound und Performance, und der Aktion Mobifant wurden Kinder und Jugendliche befragt, welche Orte ihnen in der Seidenstadt gut oder gar nicht gefallen; ihre Stimmen sind in den jeweiligen Tracks zu hören. Der pädagogische Ansatz und die Vertrauensbasis seien ihm wichtig gewesen, leitet Kilian zu den Herausforderungen des Berufs über. „Man muss sich stets auf neue Begegnungen einstellen und angemessen reagieren können. Das erfordert Improvisationstalent und Kreativität. Aber das ist genau mein Ding!“

Nach einem Arbeitstag mit E-Mails, Schulvorstellungen, Workshops zu Themen wie Toleranz und Vielfalt oder dem partizipativen Generation.Club, der eine Brücke zwischen den Generationen schlägt, entspannt der Wahl-Kölner gern: Er häkelt, zockt auf der Spielekonsole und besucht Konzerte, die ihn auf neue Ideen bringen. „Die Kunst ist eine Tochter der Freiheit“, schrieb Friedrich Schiller im Jahr 1795. Sie wird mehr denn je gebraucht.

Fotos: Lucas Coersten
Artikel teilen: