Neulich saß ich in einem Café und hörte ungewollt Fetzen eines Gesprächs vom Nachbartisch. Zwei Menschen, vermutlich seit Jahrzehnten befreundet, diskutierten darüber, ob Krefeld schöner geworden sei oder nicht. Sie lehnten sich vor, gestikulierten, lachten zwischendurch – bis einer der beiden irgendwann sagte: „Also, ich werde ja wohl noch meine Meinung haben dürfen.“ Tonfall und Lautstärke klangen in meinen Ohren allerdings eher nach: „Ich werde ja wohl noch Recht haben dürfen.“
Ich musste schmunzeln. Wie oft verwechseln wir „meine Meinung“ mit „die Wahrheit“? Wie oft klingt eine persönliche Überzeugung wie eine kleine Machterklärung? „Es heißt doch Meinung, nicht Deinung“, dachte ich. Eine Meinung ist etwas Eigenes. Persönlich. Gewachsen aus Erfahrungen, Verletzungen, Hoffnungen – und aus dem, was wir nicht gesehen haben. Wenn zwei Meinungen aufeinanderprallen, die beide aus echten Erfahrungen gewachsen sind, hat keine davon weniger Berechtigung. Es sind stimmige Wirklichkeiten – aber eben nur die ganz persönlichen. Eine Meinung ist kein Gesetzbuch. Sie verpflichtet zunächst niemanden sonst.
Unser Miteinander wird schwierig, wenn wir unsere Meinung nicht mehr als Einladung zum Gespräch verstehen, sondern als Endpunkt davon. Dann verwechselt man Meinungsfreiheit schnell mit Kritikfreiheit. Das Erste ist ein Recht. Das Zweite eine Illusion. Vielleicht wäre die Welt friedlicher, wenn wir unsere Standpunkte wie ein Lieblingsrezept behandeln würden: Man darf es weitergeben – aber niemand muss es genauso mögen. Wer es nicht kosten möchte, lehnt damit nicht uns ab, sondern hat vielleicht einfach keinen Hunger. Sobald wir eine Meinung erklären wollen – und dabei auch bereit sind, uns erklären zu lassen – entsteht Raum. Raum für andere Sichtweisen, für Fragen, für neue Gedanken. Manchmal sogar für Überraschungen.
Als ich aufstand, diskutierten die beiden Freunde immer noch. Allerdings nicht mehr über Krefeld, sondern darüber, wer diesmal den Kuchen bezahlt. Das wirkte deutlich lösbarer. In unseren Gesprächen muss es oft gar nicht darum gehen, wer Recht hat – sondern ob wir es schaffen, im Gespräch zu bleiben. Auch wenn wir unterschiedlich sehen, was vor uns liegt. Auch wenn wir dabei entdecken, dass die eigene Meinung ein Update vertragen könnte. Wie wäre es, wenn wir das heute noch einmal ausprobieren?
Wer einen guten Ort sucht, um genau solche Gespräche zu führen – mit einem Getränk in der Hand und dem Mut, zu sprechen und zu widersprechen –, der ist in der „MONA – der AusprobierBar“, Südstr. 28, herzlich willkommen.
Andreas Ullrich ist Coach und Mediator in Krefeld. Er schafft Räume, in denen Menschen gehört und verstanden werden und neue Perspektiven entwickeln.
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