David Grüntjens

Wie wird man eigentlich… Pfarrer?

„Du wirst entweder Papst oder Staubsaugervertreter“, prophezeite sein Mathelehrer am Fichte-Gymnasium. Tatsächlich hatte David Grüntjens nie einen anderen Berufswunsch als den des Pfarrers. Mit großer Leidenschaft, rhetorischer Begabung und einem ansteckenden Lachen hat er sein Ziel beharrlich verfolgt und wurde nach dem Studium 2014 in Aachen zum Priester geweiht. Seit sechs Jahren ist er Pfarrer in der Gemeinde Papst Johannes XXIII. in Krefeld. Und hat seitdem mit seinem Team und Mut zur Veränderung den Laden ordentlich umgekrempelt. Wie man Kirche glaubhaft ins Heute bringt, erzählte der Seelsorger, Manager, Influencer und Buchautor gut gelaunt zwischen TV-Reportage und Gottesdienst.

David Grüntjens ist so populär, dass man sich frühzeitig um ein Interview bemühen muss. Am Vortag konnte er voller Freude den Verkauf seiner Heimatgemeinde St. Johann Baptist an einen Förderverein verkünden. Heute lief im Morgenmagazin ein Bericht über die Instagram-Storys von Pfarrer (Chef) und Gemeindereferentin Michelle Engel (Frengels). Und jetzt saust er direkt von der Freitags-Messe ins Pfarrbüro gegenüber. Doch von Stress keine Spur, ganz im Gegenteil: Es sei genau diese Vielfalt, die für den 39-Jährigen den Reiz seines Berufs ausmache, resümiert er mit off enem Blick und einem fast schelmischen Lächeln. „Ich bewege mich den ganzen Tag in einem Kosmos, in dem ich mich sehr wohl fühle und mit existenziellen Themen zu tun habe. Neben Gottesdienst, Seelsorge oder Öffentlichkeitsarbeit kümmere ich mich um Haushaltsfragen, die Instandsetzung von Kirchen oder sonstige Immobilienthemen. Als Krefelder die Dionysiuskirche sanieren und am Ende den Hahn aufsetzen zu dürfen, ist das Allergrößte!“ Seine Augen leuchten und er schiebt noch ein bekräftigendes „Isso!“ hinterher. Mit den üblichen Vorurteilen über katholische Geistliche – sie seien einsame, frustrierte oder gar defizitäre Menschen – hat diese aufgeschlossene Person mir gegenüber nichts gemeinsam. David Grüntjens sagt zwar über sich und seine Kirche: „Entgegen der Meinung vieler Kritiker sind wir wirklich katholisch, hardcore-katholisch.“ Doch er meint damit eine Einstellung und Art der Verkündigung wie bei Jesus: Jeder ist so willkommen, wie er ist.

Bei der Sanierung der Dionysiuskirche mithelfen zu dürfen, war für Grüntjens das „Allergrößte“.

Diese Haltung kommt nicht von ungefähr. Gefragt nach persönlichen Vorbildern, die seine Berufswahl beeinfl usst haben, muss David Grüntjens nicht lange überlegen: Er nennt den Krefelder Pfarrer Paul Wegenaer, buchstabiert gleich den Nachnamen dazu und berichtet begeistert von dessen den Menschen zugewandter Art. „Die Kinder sind ihm freudig entgegengelaufen, er wusste alles über jeden“, sprudelt es aus dem gebürtigen Krefelder heraus. „Bei Ausflügen und Fahrten war er mittendrin, nie distanziert – er ist mit auf das Riesenrad gekommen oder hat abends Gruselgeschichten erzählt. Man hat ihn aber auch viel beten sehen und ihm den tiefen Glauben an Gott abgenommen.“ Wir plaudern über Leistungskurse und Lehrer am Fichte-Gymnasium, bevor wir wieder tief in eine geradlinige Biografie eintauchen. Obwohl David Grüntjens auf einen konventionellen Weg zurückblickt – Kindergarten St. Johann, Don-Bosco-Grundschule, Kommunionunterricht, Messdiener, Organist und Küster – und betont, dass er die Kirche von Kindesbeinen an im Kopf hatte, wirkt er in seinem Auftreten modern und kreativ. Über 70.000 Menschen folgen inzwischen dem Instagram-Kanal „diokirche_krefeld“, auf dem sich humorvolle, oft spontane Posts mit seelsorgerischen Inhalten sowie Gebeten und Sonntagspredigten abwechseln. Seit Kurzem gibt es zudem einen Podcast und den Spiegel-Bestseller „Dio Mio!“, auch ein Ergebnis der guten Chemie zwischen Frengels und Chef, die sich 2019 kennenlernten und schnell einig waren: „Wir machen das anders. Und zwar so, dass Kirche wieder Spaß macht!“ Das Duo hat viele kreative Ideen und setzt sie konsequent um: eine gemeinsame Vision fürs Team, neue Gottesdienstzeiten, Öffnung des Pfarreirats, Konzentration aufs Wesentliche und einen Willkommensdienst an der Kirchentür, der ausnahmslos jeden persönlich begrüßt.

Der mediale Erfolg ist David Grüntjens jedenfalls nicht zu Kopf gestiegen, die langjährige Ausbildung zum Priester hat ihn offensichtlich gut geerdet. Als Schüler ist er eher faul, aber pfiffig – und schon ein Mensch, der gern und viel redet. Das Theologiestudium in Münster und München weckt seinen Ehrgeiz. „Das Studium war mir wichtig, ich wollte da sauber durch. Hier habe ich gelernt, was Lernen bedeutet, vor allem bei Hebräisch.“ Theologie baut grundsätzlich auf ein Fundament aus Philosophie, Kirchengeschichte und Bibelwissenschaften. Dazu kommen Fächer, die nach der Art der Vermittlung des Glaubens fragen (Pastoraltheologie, Religionspädagogik), nach der Feier von Liturgie und Sakramenten oder nach der Bedeutung des Glaubens für die Gesellschaft (Christliche Gesellschaftslehre). Grüntjens bleibt locker unter der Regelstudienzeit, liefert ein sehr gutes Diplom ab und erinnert sich gern an weniger theoretische Erlebnisse: „Während der Priesterschule in der Toskana trafen 27 Nationen aufeinander. Dass wir vormittags körperlich in einem Lager für Kunstgegenstände gearbeitet haben, war für uns alle eine wichtige Erfahrung.“ Schon während des Propädeutikums wurden die Seminaristen morgens in der Pflege eingesetzt, was den damals frischgebackenen Abiturienten bis heute prägt. „Ich habe nur vier Patienten gepflegt, sie gewaschen oder Essen angereicht. Wir hatten viel Zeit, um mit allen zu sprechen. So verstand ich schnell, wie sehr sich Menschen verändern, wenn sie Zuwendung bekommen.“ Der Fall eines hochintelligenten, aber ziemlich grantigen Mannes, der nach einem Schlaganfall einen Arm nicht mehr bewegen konnte, ist ihm noch sehr präsent. „Erst nahm er mich als unerfahrenen Praktikanten nicht ernst, dann haben wir uns über deutsche Literatur ausgetauscht. Und am Ende der Zeit hat er bitterlich geweint. Das ist jetzt 18 Jahre her.“

Im Gespräch mit Gott lässt der Pfarrer alle Belastungen hinter sich.

So überrascht es wenig, dass der einfühlsame Pfarrer die Seelsorge in den Mittelpunkt stellt: „Sie ist der Kern des Dienstes und wunderschön. Wenn ich als pastoraler Mitarbeiter keine Zeit mehr habe für die Anliegen der Menschen, dann habe ich den falschen Job. Punkt.“ Als Priester Freud und Leid zu teilen und oft zwischen den Welten im Dienst Gottes unterwegs zu sein – David Grüntjens kann sich nichts Besseres vorstellen. Im Gespräch mit Gott lässt er die Belastungen, die er in seiner Arbeit erfährt, hinter sich. Oder er staubsaugt mal eben das Büro und wird währenddessen für ein Instagram-Reel gefilmt. Die spärlich bemessene Freizeit verbringt er mit Freunden beim Kochen („am liebsten Pasta“) oder auf Reisen, im vielleicht trüben Herbst auch mal mit einer Netflix-Serie auf der Couch. Wer seine mitreißenden Predigten noch nicht erlebt hat, sollte dies live oder im Netz unbedingt nachholen. Und wer weiß – vielleicht wird der Krefelder Mathelehrer ja eines Tages recht behalten.

Fotos: Felix Burandt
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