
Oscar Wilde sagte einst: „Ziel der Kunst ist es einfach, eine Stimmung zu erzeugen.“ Freude, Trauer, Leere oder Wut – Gemälde, Musik und Filme können bei jedem Menschen unterschiedliche Gefühle auslösen. Auch die Malerei von Roswitha Di Nardo lässt dem Betrachter viel Raum für eigene Überlegungen und Interpretationen. So gibt die Wahlkrefelderin ihren meist abstrakten Werken aus Prinzip keine Titel und setzt auf kraftvolle Farben und einen markanten Pinselstrich. Zur Kunst kam sie erst, als sie ihr Geschäft für Raumausstattung nach vier Jahrzehnten verkaufte. Doch von Ruhestand keine Spur: Auch mit 82 Jahren geht sie ins eigene Atelier, plant neue Ausstellungen und lebt ihre Leidenschaft. Wie es dazu kam.
Künstler sind unangepasst, bisweilen verpeilt, manchmal chaotisch, aber offen und neugierig. Sie stehen spät auf, haben ständig neue Ideen und hören eher auf ihren Bauch als auf den Verstand. Statt im Alltagstrott zu funktionieren, machen sie einfach, wofür sie mit Leidenschaft brennen. So würden viele vermutlich einen kreativen Menschen beschreiben. Und dann trifft man Roswitha Di Nardo in ihrem Atelier und kann gleich einige Klischees wieder über Bord werfen. Die 82-Jährige empfängt uns an diesem Nachmittag überpünktlich und ohne Farbflecken auf der Kleidung, das modische Outfit mit den schwarzen Bikerboots lässt sie gut zehn Jahre jünger aussehen. Trotz eines kleinen Unfalls, der ihre Schulter noch ein wenig einschränkt, steht sie aufrecht und gut gelaunt vor uns – und bietet spontan ein Gläschen Wein an. „Das ist natürlich ein Vino aus Italien, ein Vernaccia“, sagt Roswitha augenzwinkernd und strahlt die Lebensfreude aus, die wir eher von italienischen Gastronomen erwarten. Ihr leichter Akzent schwankt dabei irgendwo zwischen Rheinland und Adria.

„Ich bin ein Kohlenpottkind mit rheinischen Wurzeln“, legt die gebürtige Oberhausenerin los mit einer Biografie, die nicht untypisch ist für die Generation, die während des Zweiten Weltkriegs geboren wurde. Sie wächst relativ bodenständig in Düsseldorf auf, ihr Vater kehrt äußerlich unversehrt vom Kriegseinsatz zurück und gründet in Benrath ein kleines Geschäft für Innendekoration. „Er war ja gelernter Sattler und Polsterer“, erinnert sich Roswitha an eine urige Werkstatt mit unzähligen Stoffen und vielen kleinen praktischen Möbeln. Schon in der Schule sei Kunst ihr Lieblingsfach gewesen, allein wegen der Farben! Doch vorerst tritt sie in die Fußstapfen des Vaters, absolviert eine Lehre zur Raumausstatterin und lebt ihr Gespür für Design und Stil im heimischen Betrieb aus. „Als mein Vater mit Mitte 50 sehr plötzlich verstarb, musste ich mich entscheiden: Was passiert mit dem Geschäft? Ich war gerade erst 23 Jahre alt.“ Sie springt beherzt ins kalte Wasser, übernimmt Verantwortung und boxt sich durch gegen meist männliche Zweifler, die die junge Frau zunächst nicht ernst nehmen wollen. Doch Aufgeben ist keine Option: Roswitha setzt auf Expertise, besucht große Fachmessen – Frankfurt, Paris, Florenz, Venedig – und kauft die „wahnsinnigsten Farben und verrücktesten Dekorationen“. Wenn sie heute detailreich von aufregenden Tapetenmustern, wallenden Stoffbahnen und wunderschönen Polsterbezügen schwärmt, wird klar, wie sehr ihr Herz dafür brennt, Räume mit Atmosphäre zu schaffen. Ganze 42 Jahre lang ist sie als Inneneinrichterin selbstständig, dann zieht sie einen Schlussstrich, verkauft ihr Geschäft und wagt einen Neubeginn.
Doch während andere Menschen sich auf ruhige Rentnerzeiten freuen, steht für die lebenslustige Roswitha schon lange fest: „Nach Beendigung meiner Berufstätigkeit werde ich malen!“ Seit 2008 widmet sie sich ganz der Kunst, weil sie „immer noch“ Freude an neuen Erlebnissen habe und gern experimentiere, berichtet sie mit leuchtenden Augen. „Angefangen habe ich in Italien, mit allen Mitteln, die mir dort zur Verfügung standen: Holz, Sand, Gips oder Kaninchendraht.“ Sie beginnt allmählich, mit Farben zu spielen, fährt regelmäßig zu Kunstakademien in Süddeutschland oder Düsseldorf und besucht Kurse bei Künstlern wie Robert Süß und Petra Ehrnsperger. Nicht immer sagten ihr die Lehrinhalte zu, resümiert die Malerin nachdenklich, während wir ihre Werke begutachten dürfen: „Dat hier gefällt mir nicht, dieses Grau. Oder nur Würfelchen und Steine malen, das bin ich nicht. Ich habe mir von allen Workshops etwas mitgenommen, doch meine Farben sind geblieben.“ Fehlt nur noch ein resolutes „Basta!“

Wer Darstellungen von Panoramen, Menschen oder Tieren erwartet, ist bei Roswitha allerdings an der falschen Adresse – die abstrakte Malerei hat es der Künstlerin angetan. „Mich fasziniert die Möglichkeit, vieles nur anzudeuten oder auch ganz dem Zufall zu überlassen“, beschreibt sie ihren schöpferischen Prozess, der meist mittags mit dem Waschen der ordentlich sortierten Pinsel beginnt. Oft fällt ihre Wahl auf Acryl, eher selten auf Kreide. „Am Anfang des Bildes stehen Farbverläufe, auf die ich keinen Einfluss habe; ich male, wie es mir gerade in den Sinn kommt. Wenn mir mittendrin die Farbe ausgeht, wechsle ich einfach von Pink zu Rot“, erzählt die 82-Jährige schulterzuckend. Dass sie immer an mehreren Bildern gleichzeitig arbeitet, auch Werke zerstört oder häufig übermalt, gehöre ebenfalls dazu. Dafür mangelt es aus Prinzip an Titeln, betont sie: „Durch starke Farben und Nuancenreichtum versuche ich, Stimmungen und Gefühle hervorzurufen. Aber ob das Bild eine Blumenwiese, einen See oder vielleicht eine Landschaft zeigt, überlasse ich dem Betrachter.“
So funktionieren viele ihrer Bilder überraschenderweise auch, wenn man sie um neunzig Grad oder mehr dreht – die Wirkung ändert sich. Erst neulich habe ein etwa achtjähriger Junge in ihrem Atelier jedes einzelne Bild interpretiert und am Ende von seinem Taschengeld ein kleines Kunstwerk erstanden, genießt Roswitha schmunzelnd diese besondere Anerkennung als Künstlerin. In Krefeld war sie schon beim Südgang dabei und hat in Arztpraxen, Cafés oder am Großmarkt ausgestellt. Ihr Weg zur Kunst ist dabei so individuell wie die vielen kreativen Arbeiten, die jeden Tag unser Leben bereichern – oder vielleicht auch nicht. Denn was gefällt oder emotional berührt, ist schließlich Geschmackssache. Oder wie schon der Grieche Thukydides wuste: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“.
Roswitha Di Nardo freut sich über Besuche in ihrem Atelier an der Wiedstraße 23. Terminabsprache unter Tel. 0175 – 9844207 oder per E-Mail an roswitha42dinardo@gmail.com.

Fotos: Felix Burandt