
Sattler, Täschner oder Schuster – viele Berufe, die vor 50 Jahren noch alltäglich waren, gelten inzwischen als ausgestorben. Oft zu Unrecht, denn traditionelles Handwerk ist durchaus gefragt. Wer den winzigen Laden für Lederwarenreparaturen auf der Breite Straße betritt, hat meist ein Problem, das mit Tierhäuten und Nachhaltigkeit zu tun hat: einen Riss in der geliebten Lederjacke, abgenutzte Henkel an der Designer-Handtasche oder einen Gürtel, der gekürzt werden soll. Der Inhaber M. Khir Hajou lernte sein Metier in Syrien und ist ein wahrer Tausendsassa, wenn es um praktische Lösungen geht. Warum man Schuhe gut pflegen sollte und was ihn am meisten nervt, erfuhren wir zwischen alten Maschinen und Reißverschlüssen.
Mit der Frage „Willst du Kaffee?“ empfängt mich Mohammed Khir Hajou so charmant wie unpünktlich, weil er seine Kinder noch eben von der Schule abgeholt hat. Doch seine freundlich-zugewandte Art lässt den holprigen Start schnell vergessen, ich finde einen Sitzplatz in der vollgestopften Werkstatt und rechne jederzeit damit, dass der Kobold Pumuckl aus einer Ecke auftauchen könnte. Wobei der fiktive Meister Eder ja eigentlich ein Schreinermeister ist und wir uns in einem alteingessenen Geschäft für die Reparatur von Lederwaren befinden. Heinz-Peter Rottes führte die einzige Täschnerei am Niederrhein mehr als 40 Jahre lang, bevor er den Betrieb 2012 aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Seine langjährige Mitarbeiterin Silvia Opitz übernahm den Laden für eine Weile und übergab ihn schließlich an den gebürtigen Syrer, der seit 2001 in Deutschland lebt und sich hier mehr als heimisch fühlt. „Den Namen Opitz habe ich vor sieben Jahren einfach behalten“, sagt der Wahl-Krefelder mit einem verschmitzten Lächeln und einem leichten arabischen Akzent. Auch die uralte Webseite des Gründers existiere noch, es gebe ja keinen Grund, daran etwas zu ändern. Pragmatische Lösungsansätze sind augenscheinlich Teil seiner DNA, wobei der Weg in die Selbstständigkeit für M. Khir Hajou – er mag seinen Namen lieber abgekürzt – durchaus mit Höhen und Tiefen ausgestattet ist.

„Meine Kunden kommen nicht nur aus Krefeld, sondern auch aus Neuss, Düsseldorf oder Duisburg“, freut sich der gelernte Schuhmacher über die überregionale Nachfrage. „Die Menschen haben ein individuelles Problem mit einem Lederprodukt, das offensichtlich niemand anders lösen kann.“ Gerade erst habe er einen neuen Druckknopf an einem Lederarmband mit Schalke-04-Logo angebracht. „Supergut“ lobte nicht nur der Klient, die Zufriedenheit mit dem Ergebnis steht auch dem 58-jährigen Problemlöser quer ins Gesichtgeschrieben. „Schau mal hier, diese alte Lederjacke – den Riss im Rücken verdecke ich mit zwei dekorativen Flicken, dann kommt noch eine Schönheitsnaht daran.“ Seine Augen leuchten. Ob Vintage-Designer-Handtasche, Motorradjacke, Rucksack oder Möbelstück aus der Arztpraxis – zu jedem Auftrag gibt es vorab eine patente Beratung, was machbar ist und wie hoch die Kosten ausfallen werden.„Wenn jemand mit einem billigen Produkt in den Laden kommt, das bei einer chinesischen Plattform erworben wurde, übersteigen meine Reparaturkosten den ursprünglichen Warenwert oft deutlich“, erinnert M. Khir Hajou an die Grenzen seines Handwerks. Er versuche zwar immer, die Dinge am Leben zu erhalten und schöner zu machen. Wenn aber am Ende die Ware nicht abgeholt werde, sei das „schon frustrierend“, weist der Handwerker auf volle Regale mit reparierten Taschen und Koffern. Am meisten habe jedoch der Corona-Lockdown nur ein Jahr nach der Übernahme des Geschäfts geschmerzt: „Das war der Horror – nicht nur finanziell, sondern weil ich meinen Beruf so liebe!“ Um diese Zeit sinnvoll zu füllen, fertigte er Leisten für Mini-Schuhe und kleine Stiefel als Schlüsselanhänger.

Dass der dreifache Familienvater mal als Täschner in Deutschland arbeiten würde, verdanke er im Grunde einer Reihe von Zufällen, taucht er bei einem Becher Kaffee in seine syrische Kindheit ein. „Ich bin nach der sechsten Klasse von der Schule abgegangen — das war nicht meins — und habe zunächst wie mein Bruder als Bauarbeiter gearbeitet. Eines Tages lernte ich auf einer Baustelle einen Schuhmacher kennen, der sah, wie präzise ich die Nägel einschlug. Er bot mir spontan eine Ausbildung an.“ M. Khir Hajou lässt sich im Alter von 15 Jahren auf das Abenteuer ein und lernt von der Pike auf, wie man mit Rohleder, Mustern oder Leisten umgeht. Dabei kann es auch vorkommen, dass er ins 500 Kilometer entfernte Aleppo geschickt wird, um Material zu besorgen. Was ihn bis heute spürbar fasziniert, sind die Maschinen, die er auseinandernimmt, säubert und schärft – Augenmaß und Sorgfalt zählen definitiv zu seinen Stärken. Die jetzige Werkstatt steht voll mit Nähmaschinen von Dürkopp, Singer und Adler, das massive Presswerk mussten fünf Männer ins Geschäft hineintragen. „Viele Maschinen begleiten mich seit Bayern“, erzählt er von seinen Anfängen in Deutschland. Die Jobsuche erwies sich trotz des Meisterbriefs als schwierig, er fängt als einfacher Leiharbeiter in einer bayrischen Schuhfabrik an und stellt nach gut zwei Jahren den Chef vor die Wahl: „Entweder ich habe bis 12 Uhr einen richtigen Vertrag oder ich bin nach der Mittagspause weg!“ Weil das Dokument pünktlich geliefert wird, bleibt er noch viele Jahre in Süddeutschland; Hartnäckigkeit gepaart mit ausgeprägter Berufsehre führen ihn regelmäßig ans Ziel. Nach der Trennung von seiner damaligen Lebensgefährtin landet er über Umwege in Willich-Schiefbahn bei einem Orthopädie-Schuhmacher, bis er 2019 die Chance ergreift, sich selbstständig zu machen. „Mittlerweile arbeite ich zudem drei Tage die Woche bei Reitstiefel Kempkens“, lässt der Inhaber durchblicken, dass die Zeiten nicht ganz so rosig sind. Er wird dann vertreten von Ehefrau Faeza, die genauso charmant im Laden agiert.

Wenn man erlebt hat, wie lösungsorientiert der bescheidene M. Khir Hajou seine Kunden vor Ort oder am Telefon berät und wie liebevoll er mit den Gegenständen umgeht, wünscht man ihm, dass er die große Abwechslung in seinem geliebten Beruf noch viele Jahre genießen kann. Zum Schluss hält er noch einen Lieblingstipp parat: „Investiert ein paar Minuten in eure Schuhe – macht sie regelmäßig sauber, benutzt Vaseline oder Lederfett und tragt nicht jeden Tag dasselbe Paar. Füße sind so wichtig!“ Dass er selbst mit beiden Beinen im Leben steht, hat er längst bewiesen. Ganz ohne Pumuckl.
Fotos: Felix Burandt

