
Laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft werden hierzulande jährlich rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel entsorgt; nur ein Teil davon, weil er tatsächlich ungenießbar geworden ist. Diese enorme Verschwendung wirft ökologische und ökonomische Fragen auf, vor allem aber ist sie Symptom einer sozialen Schiefl age: Mehr als drei Millionen Menschen — etwa 3,5 Prozent der Bevölkerung — leiden in Deutschland an Hunger. Und das, was wir wegschmeißen, weil es unseren oft völlig überzogenen Ansprüchen an Optik oder Frische nicht mehr genügt, würde das Leben dieser Menschen verändern. Das 2012 gegründete Netzwerk Foodsharing hat es sich zum Ziel gesetzt, der Verschwendung Einhalt zu gebieten und Lebensmittel vor der Mülltonne zu retten. Christoph Walter, hauptberuflich Synchronsprecher und Toningenieur, teilt diese Mission: Wenn er mit seiner roten Tragetasche durch die Stadt zieht, freuen sich Krefelds „Obdis“, weil sie endlich mal wieder satt werden — oder sogar einen kleinen Wunsch erfüllt bekommen.

Der herrliche Duft knuspriger Brötchen und guten deutschen Brots erfüllt die Luft. Ein Duft, der nicht nur sofort Appetit macht, sondern auch dieses wohlig-heimelige Gefühl von Zuhause vermittelt. Christoph Walter schwingt gut gelaunt Lebensmittelzange und Papiertüten, um kleine Lunchpakete für seine Empfänger zu füllen. Überbackene Käsebrötchen, Amerikaner, Schokocroissants, Berliner oder auch Kuchenstücke – gerade beim Foodsharing-Kooperationsbetrieb Bäckerei Hendker gerettet – werden verpackt und in Tragekörbe sortiert. Anschließend brüht er große Kannen Tee mit jeder Menge Zucker: Die meisten seiner Abnehmer bevorzugen einen sehr hohen Süßegrad, erzählt er. „Meine Frau Sylvia und ich fahren zwei- bis dreimal in der Woche die verschiedenen Ausgabestellen an, an denen wir und andere Foodsaver aussortierte Lebensmittel abholen“, berichtet der gebürtige Münsteraner. „Neben Obdachlosen versorgen wir damit viele Menschen im näheren und weiteren Umfeld und natürlich auch uns selbst. Es ist mehr als genug da.“ Die Idee, sich beim Foodsharing-Netzwerk anzumelden, speiste sich für die sozial engagierte Familie vor drei Jahren zunächst aus dem Bedürfnis, unserer westlichen Verschwendungs- und Wegwerfsucht etwas entgegenzusetzen. „Es ist Wahnsinn, wenn man sieht, was in unserer Gesellschaft alles entsorgt wird“, ereifert er sich. „Und dieser Wahnsinn hat System. Ein Beispiel: Die Kunden erwarten ja, dass alle Regale bis zum Feierabend gut bestückt sind. Aus diesem Grund backen Discounter mit eigener Backstube bis zum Ladenschluss frische Brötchen in dem Wissen, dass die meisten davon wieder in die Mülltonne wandern.“ Um die riesigen Mengen, die manchmal auf die Foodsaver warten, weiterverarbeiten und lagern zu können, nennen die Walters mittlerweile drei Tiefkühlschränke, einen Dörrautomaten, einen Entsafter und weitere Küchengeräte ihr eigen. „So haben wir zum Beispiel einmal fast 100 Liter Hafermilch zu Hause zwischengelagert“, lacht Walter.

Als Foodsaver am Foodsharing-Netzwerk teilzunehmen, ist relativ einfach: Zu einer Grundsatzschulung von Foodsharing muss lediglich noch eine Hygieneschulung abgelegt werden, um die Einhaltung entsprechender Regeln gewährleisten zu können. Darauf folgen nur noch spezifische Einarbeitungen in den jeweiligen Betrieben. Im Online-System von Foodsharing kann man sich dann zu Rettungen eintragen. Mit einem Ausweis des Netzwerks ausgestattet, fährt man bei den verschiedenen Kooperationsbetrieben vor, um Lebensmittel zur Weiterverteilung abzuholen. Neben dem privaten Netzwerk verteilt die Familie Walter ihre geretteten Lebensmittel mehrmals in der Woche an Sozialstellen im Stadtgebiet. „Unsere Anlaufstellen sind die St.-Johann-Baptist-Kirche, wo es fast täglich Frühstück und sonntags einen Mittagstisch für Bedürftige gibt, der Hauptbahnhof, vor der Notschlafstelle Feldstraße oder dem Tagesaufenthalt auf der Lutherstraße“, erklärt der 49-Jährige. Die „Obdis“ kennt er mittlerweile. Er ist bei Ihnen längst gern gesehen: Aber nicht nur, weil er ihnen etwas zu Essen oder auch mal ein paar Klamotten mitbringt, sondern auch weil er sie unverkrampft und mit Respekt behandelt. Es ist genau dieses fehlende Mindestmaß an respektvoller Behandlung, das er im Umgang mit den Obdachlosen meist vermisst. „Niemand, wirklich niemand, hat sich dieses Schicksal selbst ausgesucht“, weiß er. „Und Abhängige sind auch nicht undankbar, wenn sie erbetteltes Bargeld für Drogen oder Alkohol ausgeben: Sie haben schlicht keine andere Wahl, weil der Suchtdruck immer größer ist als jeder Hunger. Das ist ja gerade das Furchtbare an der Abhängigkeit.“ Auf seinen zahlreichen Touren hat er viele erschütternde Geschichten gehört und auch einige Dinge gesehen, die ihm lieber verborgen geblieben wären. Er berichtet von den schlimmen Zuständen in den Gängen des Bahnhofs, von Obdachlosen mit offenen Beinen und von der Kälte geschwollenen, schwarz verfärbten Händen. Aber auch von der Freude, die er ihnen mit so etwas Banalem wie einem neuen Gürtel oder einem Paar Socken machen kann, von der Dankbarkeit, die ihm dafür entgegengebracht wird, wenn sie sich bei ihm etwas Leckeres aussuchen können. Die streitbaren Maßnahmen der Stadt bringen den im Eiltempo sprechenden ehemaligen „Hip-Hopper der ersten Generation“ hingegen richtig auf die Palme: „Der Theaterplatz wurde mit dem Hinweis auf die Errichtung des Drogenhilfezentrums an der Schwertstraße geräumt: Doch diese Unterkunft ist für zwei Drittel der Szene, nämlich alle, die nicht drogenabhängig sind, ungeeignet. Und sie ist nur von 10 bis 18 Uhr geöff net. Wo sollen die Leute außerhalb dieser Zeiten denn hin?“, fragt er entgeistert. „Jetzt sitzen sie am Bahnhof, wo wirklich jeder, der von außerhalb nach Krefeld kommt, sie sieht. Herzlichen Glückwunsch!“ Eine Politik, die Millionen in Prestigeprojekte wie das Kesselhaus steckt, aber nur eine einzige echte städtische Unterkunft für Bedürftige bereithält, gebe das Geld am falschen Ende aus, ist seine klare Haltung.

Wenn Christoph Walter mit Brötchen, Sandwiches, Gebäck, Süßigkeiten, Obst oder dem, was sein über die Jahre ausgebautes Netzwerk sonst so hergibt, loszieht, ist es sein ganz klares Bestreben, die Obdachlosen anders zu behandeln, als sie es gewohnt sind: als Menschen. Auf sie zuzugehen, sie freundlich anzusprechen, sie zu fragen, ob sie etwas möchten. Um sich besser an jeden Einzelnen erinnern zu können, macht sich der ADHSler nach jeder Begegnung Notizen. „Die meisten schauen Obdachlose ja gar nicht mehr an und wenn doch, dann nur mit Ekel oder off ener Verachtung. Auf Social Media kotzen sich die Leute über ,Penner’ aus, weil sie ihnen den Einkaufsbummel verderben. Das zeigt, dass man als Obdachloser komplett raus ist aus unserer Gesellschaft. Man gehört nicht mehr dazu, wird noch nicht einmal mehr als Mensch wahrgenommen, nur noch als Störung oder Belästigung“, resümiert der dreifache Vater. Um dem etwas entgegenzusetzen, spielt er manchmal „Wünsch’ dir was!“ und erfüllt auch mal einen Wunsch: Wenn dabei ein Bierchen, ein Leberkäsebrötchen oder auch ein neuer Pulli rausspringen, hat er seinem Gegenüber nicht nur eine Freude gemacht, sondern ihm auch eine Wahl gegeben, die er sonst nur selten hat. Illusionen macht sich Walter trotzdem nicht: „Was ich tue, ist immer nur für den Moment. Ich kann nicht alle Hungrigen versorgen und ihre Situation auch nicht nachhaltig verändern. Aber ich kann ihr Leben in diesem einen Augenblick ein kleines bisschen besser machen.“
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Fotos: Niklas Breuker, Grafik: Michael Strogies