Notfallseelsorge Krefeld

Wo sich Tod und Dankbarkeit berühren

Die lila Jacken der Notfallseelsorge erfüllen zwei Funktionen: Hilfebedürftigen dienen sie als gut sichtbares Signal, ihren Trägern Petra Bittner und Notfallseelsorge-Koordinator Dietmar Krebbers, als eine Art „Schutzpanzer“.

Es ist der 15. Juli um kurz nach 21 Uhr, als Petra Bittner vorsichtig aufs Gaspedal drückt und vergeblich versucht, den Wagen fortzubewegen. Immer wieder drehen die Reifen durch, bis sich die vier Krefelder in ihren lila Jacken schließlich dazu entscheiden, den Motor abzustellen und sich zu Fuß auf den Weg zu machen. In Gummistiefeln watet die kleine Gruppe durch den schweren Schlamm und nimmt langsam auf, was sie umgibt. „Selbst als ausgebildete Notfallseelsorgerin bist du auf so etwas nicht vorbereitet“, sagt Petra Bittner tonlos. „Wir waren zwar von der Einsatzleitung gebrieft worden, aber auf dieses Maß der Zerstörung waren wir dennoch nicht vorbereitet.“ Denn während sich die tiefschwarze Nacht über dem fast menschenleeren Ahrweiler ausbreitet, tritt die Ehrenamtlerin mit ihren Kollegen von der Notfallseelsorge Krefeld zur Ersthilfe im Flutgebiet an. Mit Taschenlampen suchen sie in Kellern und Autos nach denjenigen, die der Naturgewalt nicht entkommen konnten.

Petra Bittner, Notfallseelsorge-Koordinator Dietmar Krebbers und ihr rund 15-köpfiges Team sind immer dann vor Ort, wenn der Tod allgegenwärtig ist. Als ehrenamtliche Notfallseelsorger in Krefeld sind sie Teil der Rettungskette und rund um die Uhr an die Feuerwehrleitstelle angeschlossen. Sie werden alarmiert, wenn ein Unfall, ein Suizid oder ein unerwartetes, schreckliches Ereignis ein Menschenleben fordert und Angehörige oder Zeugen zurücklässt. „Viele meiner Freundinnen fragen mich, warum ich mir das antue“, sagt Bittner. „Aber die Dankbarkeit, die die Menschen uns entgegenbringen, ist unbeschreiblich. Wir können wirklich helfen.“

Dabei besteht die Aufgabe der Notfallseelsorger meistens vor allem darin, gemeinsam mit den Angehörigen das Geschehene oder das Leid auszuhalten. Wenn die Polizei die Todesnachricht überbringt, steht der Notfallseelsorger wie ein fester Fels in der Brandung hinter den Beamten, um denjenigen, die einen schweren Verlust erlitten haben, beizustehen. „Oft hören wir nur zu oder helfen, die Traurigkeit zuzulassen“, erklärt Dietmar Krebbers, der seit fast zehn Jahren Teil der Notfallseelsorge ist. „In all dem seelischen Chaos, das über den Hinterbliebenen hereinbricht, sind wir der Ruhepol.“

Man muss selbst gefestigt sein, um anderen Menschen den seelischen Beistand zu geben, den sie brauchen.

Vertrauen die Seelsorger dabei in jeder individuellen Situation auf ihre über die Jahre geschärfte Intuition, greifen sie dennoch auf eine fundierte Ausbildung zurück. Denn obwohl die Notfallseelsorge „nur“ ein Ehrenamt ist, gehen der Tätigkeit ein Bewerbungsprozess und eine einjährige Ausbildung voraus, die auf bundesweiten Standards aufbaut. Krebbers selbst bildet zusammen mit seinen Kollegen aus dem Nachbarkreis die Neu-Seelsorger in Krefeld und im Kreis Viersen aus. „Wir schauen dabei auch auf die eigene Lebensgeschichte, denn oft bildet sie das Fundament dafür, dass wir uns der Menschen annehmen können“, beschreibt er. „Es ist wichtig, selbst fest im Leben zu stehen, um das Gesehene anschließend verarbeiten zu können.“

Was Petra Bittner, Dietmar Krebbers und ihre Kollegen tagtäglich erleben, führt andere an psychische Grenzen. Sie sind da, wenn ein Familienvater in seiner Wohnung plötzlich tot aufgefunden wird. Sie sind da, wenn eine junge Frau keinen Ausweg mehr sehen konnte und sich vor einen Zug geworfen hat. Und sie sind auch da, wenn ein Kind bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. „Wenn Kinder im Spiel sind, ergreift das auch uns noch einmal anders, denn der Schmerz eines Elternteils darüber, sein Kind zu Grabe tragen zu müssen, ist unendlich groß“, schildert Petra Bittner. „Der Notfallseelsorger kann diesen Schmerz zwar nicht nehmen, aber er kann unterstützend zur Seite stehen, dem Leid Raum geben und es mittragen.“

Mit dem Hubschrauber ins Katastrophengebiet: Petra Bittner (links) von der Krefelder Notfallseelsorge im Ahrtal.

Nach jedem einzelnen Einsatz ist es wichtig, Abstand zum Erlebten zu bekommen. Damit das gelingt, bietet die Notfallseelsorge ihren Ehrenamtlichen Supervision an. Gleichzeitig hat aber auch jeder Notfallseelsorger selbst individuelle Mechanismen entwickelt, um mit jedem Fall umzugehen. Für Petra Bittner wirkt zum Beispiel die auffällige, lila Jacke mit den großen Lettern „Notfallseelsorge“ wie ein Schutzpanzer. Streift sie sich diese über, übernimmt sie die Rolle der professionellen, einfühlsamen Notfallseelsorgerin. Zieht sie sie nach einem Einsatz wieder aus, wird sie zur Mutter, zur Nachbarin und zur Freundin. „Für mich sind Rituale rund um meine Einsätze sehr wichtig“, erklärt sie. „Auch ein Spaziergang mit meinem Hund durch die Natur oder eine Joggingrunde helfen mir, das Erlebte abzuschließen.“

Dennoch gibt es Einsätze, die besonders nachdrücklich bewegen und verändern. So war es zum Beispiel, als das Affenhaus im Krefelder Zoo in Flammen stand. Noch in der verheerenden Nacht war Krebbers selbst vor Ort und bot in den folgenden Wochen seelsorgliche Begleitung durch sein Team bis hin zu einem Trauergottesdienst in der Friedenskirche an.

Besonders einschneidend war aber auch der Einsatz im Ahrtal, wo die Flutkatastrophe vielen Menschen das Leben und noch viel mehr Menschen das Zuhause genommen hatte. Die Ehrenamtler der Notfallseelsorge Krefeld fuhren sechs Wochen lang abwechselnd in die Krisenregion. Als die Flut am 14. Juli etliche Gebiete von der Zivilisation abschottete, wurden sie als erste Helfer überhaupt mit dem Helikopter in das kleine Weindorf Rech geflogen. „Auch im Nachhinein sind diese Erlebnisse noch total surreal“, schildert Petra Bittner. „In all ihrem Elend begrüßten uns die Menschen voller Freunde und Dankbarkeit. Sie waren so glücklich, uns zu sehen und nicht vergessen worden zu sein.“ Die ersten Tage verbrachten die Notfallseelsorger vor allem mit Kommunikation und Verwaltung – gemeinsam mit anderen Helfern bildeten sie eine Art Schaltzentrale. Mit einem Notizblock bewaffnet, durchschritten sie die abgeschiedenen Dörfer, die vor Schlamm und Trümmern fast nicht mehr zu erkennen waren.

Sie schrieben auf, was dringend benötigt wurde, hörten sich an, wo am dringendsten Hilfe gebraucht wurde und gaben diese Informationen an die Einsatzleitung weiter. Sie wurden zu einem Puzzleteil einer lückenlosen Hilfsstruktur, die durch professionelle Kräfte, vor allem aber vom Einsatz etlicher Ehrenamtler getragen wurde. „Die Leute kamen von nah und fern, um anzupacken“, erinnert sich Krebbers. „Da waren Studentengruppen, die auf einmal Keller von wildfremden Menschen ausräumten, weil diese selbst keine Kraft mehr hatten.“ Bittner hingegen erinnert sich an eine syrische Familie, die ein ganzes Buffet aufbaute, um die Menschen zu versorgen. „Das war so bewegend“, erzählt sie.

Die Notfallseelsorge half aber nicht nur bei der Hilfsmittel- und Helferkoordination, sondern stand immer auch als offener Gesprächspartner bereit – und war dabei dank der lila Jacken im Chaos immer gut erkennbar. Wenn sich die Menschen kurz ausruhten und das Beseitigen der Trümmer oder die Suche nach persönlichen Erinnerungsstücken unterbrachen, suchten sie den Dialog mit den Seelsorgern. Krebbers taufte diese Momente „kleine Bordsteingespräche“. „Wir waren einfach da, um uns das Leid der Menschen anzuhören. Aber auch, um ihre Rührung über die enorme Hilfe zu teilen“, erklärt der 72-Jährige mit ruhiger Stimme. „Das, was nach Ahrweiler bleibt, ist bei mir das Gefühl der Machtlosigkeit vor Naturgewalten, aber auch ein Gefühl der Dankbarkeit und des Trosts, das ich dort vorgefunden habe.“ Es sind ähnliche Gefühle, die Petra Bittner beschreibt, wenn sie über den Wert ihres Ehrenamts spricht. Seitdem sie 2015 fester Teil der Krefelder Notfallseelsorge wurde, erlebt sie Momente im Leben bewusster. „Ich erlebe jeden Tag, wie schnell all das, was wir lieben und wertschätzen, vorbei sein kann“, sagt sie und ein feingliedriges, goldenes Kreuz blitzt unter ihrem Overall hervor. „Ich bin heute dankbar für jeden einzelnen Moment, den ich erleben darf.“

Die Notfallseelsorge Krefeld sucht immer nach Ehrenamtlichen, die sich im Rahmen des Bewerbungsprozesses vorstellen möchten. Weitere Informationen finden Sie auf www.notfallseelsorge-krefeld.de oder telefonisch bei Dietmar Krebbers unter 76 90 420.

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