Johannes Floehr

Wie wird man eigentlich… Comedian?

Der Krefelder Wahl-Hamburger ist Comedian, Buchautor, Moderator, Sänger und maximal einen Kopf größer als eine Persiltonne.

Johannes Floehr steht seit jeher für schöne Späße und dadaistischen Kurzweil: Abwechslungsreich wie Haribo Colorado bietet er Comedy in erträglichem Maße. Oder Kabarett, je nachdem. Belehren will er nicht, denn dafür ist der „sympathische Zwei-Meter-Mann“ einfach nicht schlau genug. So selbstironisch lässt sich der etwas kleinere Autor und Comedian jedenfalls in einem Pressetext beschreiben. Vier Bücher hat er inzwischen geschrieben, rund 1.000 Auftritte absolviert (davon 300 in Krefeld) und zahlreiche Events moderiert. Ob Poetry Slam oder Sendung mit der Maus – der Wahl-Hamburger braucht Unfug und Kreativität wie die Luft zum Atmen. Und manchmal auch ein gepflegtes Tannenzäpfle im Blauen Engel.

„Aller höhere Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt.“ Das schrieb Hermann Hesse in dem Roman „Der Steppenwolf“, der zur Pflichtlektüre vieler Oberstufenschüler zählt. Johannes Floehr hat diesen Klassiker tatsächlich nie gelesen oder lesen müssen, obwohl er im Literaturkurs am Moltke-Gymnasium 15 Punkte abgeräumt hat und Outfit wie Auftreten verraten, dass er wenig Gewese um seine Person macht. Dabei ist der gebürtige Willicher „weltweit der einzige Mensch überhaupt“, der sowohl den Jugendliteraturpreis des Heinrich-Heine-Instituts als auch den Hamburger Comedy-Pokal gewinnen konnte. Stand jetzt. Im schlichten weißen T-Shirt entschuldigt er sich für exakt vier Minuten Verspätung, um im Café der Mediothek entspannt und ohne Punkt und Komma von seinem Leben als Comedian und Autor zu erzählen. Wobei ihm der Begriff „Humorist“ deutlich besser gefallen würde, wenn er in seinen Ohren nicht so altmodisch klänge. Keine Frage, der präzise Umgang mit Sprache ist tief in der DNA des Krefelder Slam-Poeten verankert, wobei ihm absurde Alltagsmomente besonders gut liegen, die er in seinen Büchern und Bühnenprogrammen wie „Ich bin genau mein Humor“ oder „Aus der Nähe von Paris“ verarbeitet.

In einer Besprechung des neuesten Buchs „Fleurs“, dessen lautmalerischer Titel schon von Sprachwitz zeugt, vergleicht WZ-Kulturredakteur Christian Oscar Gazsi Laki das Schaffen von Johannes Floehr passenderweise mit einer Blumenwiese: „Kleine, selten größere, bunte, mal ganz schöne, mal auch etwas ungewöhnliche, aber immer sehr sympathische, kluge, und sehr humorige Blüten erblühen aus seinem Hirn und suchen die Pfade aufs Papier oder ins gesprochene Wort.“ Der Autor hat es sich nicht nehmen lassen, selbst eine humorige Rezension zu verfassen, in der er sein Werk nicht nur von Menschen aus seinem Umfeld als „bestes Buch“ loben lässt, sondern die Zeichnungen des Cartoonisten Maxim Seehagen positiv hervorhebt. Es ist ein wichtiger Charakterzug, den der 35-Jährige hier an den Tag legt – auch bei seinen zahlreichen Auftritten frage er immer als Erstes, wie die Techniker heißen, damit er sich nach der Show bei ihnen bedanken kann. „In Krefeld habe ich bestimmt 300-mal auf einer Bühne oder einem Bierkasten gestanden, es fehlt eigentlich nur noch die YAYLA-Arena in meiner Sammlung“, erinnert sich der Comedian an die Stadt, in der er aufgewachsen ist und schon zu Schulzeiten Witze erzählt hat. Als launigen Moderator kennt man ihn von Events wie Open Mic, PowerPoint-Karaoke, Folklorefest oder Kultur findet Stadt sowie dem Welcome Now Festival, dessen Einnahmen der Flüchtlingshilfe zugutekommen. Anlässlich des Brandes im Affenhaus des Krefelder Zoos organisierte er 2020 eine Benefiz-Veranstaltung, bei der unter anderem die Band Provinztheater sowie Komiker Torsten Sträter auftraten.

Zu seinem Kollegen hält Johannes eine von unzähligen Anekdoten parat: „Jürgen von der Lippe hat in der Sendung ‚Lippes Leselust‘ aus meinem Pressetext vorgelesen. Und Torsten korrigierte trocken: ‚Der sympathische Zwei-Meter-Mann? Das stimmt überhaupt nicht, der ist einen Kopf größer als eine Persiltonne!‘“ Für dieses Format habe sich der Wahl-Hamburger – „ich bin ein Krefelder auf St. Pauli“ – übrigens nicht beworben, macht er deutlich: „Ob Comedy, Moderation oder YouTube-Satireformat – ich lasse die Dinge auf mich zukommen und mag Abwechslung.“ Eine Kreuzfahrt nach Norwegen, bei der er für zwei Auftritte gebucht wurde, gehört genauso dazu wie die Einladung, die Kurzgeschichte „Wie im Puppenhaus“ über die Demenzerkrankung eines Malers live im Fernsehen vorzutragen.

Erst Mitte Mai konnte man Johannes Floehr in der Sendung mit der Maus erleben. Zusammen mit der Musikerin Olivia Sawano alias Livi kreierte er für den Eurovision Song Contest das Lied „So viele Feelings“, das inklusive Musikvideo bei Spotify abrufbar ist. Gut 50 Personen waren an dem Beitrag beteiligt, Johannes selbst hat an Skript und Song teilweise mitgeschrieben. Gedreht wurde an zwei Tagen in Köln; bei den Kostümen gibt es „sehr viele ESC-Easter-Eggs“ zu entdecken, die alle liebevoll von der Requisite hergestellt wurden. „Der Song soll nicht nur zum Tanzen einladen, sondern die Menschen auch zum Lachen und zum Weinen bringen“, resümiert Johannes und gibt schmunzelnd zu, dass er nicht singen kann. Was für eine Kindersendung aber unproblematisch sei.

Wir tauchen ein in seine „humoristisch sozialisierte“ Kindheit am Niederrhein, in der der Vater kleine Quatsch-Geschichten erzählt, CDs von Otto und Helge Schneider gehört werden und Lesen einfach zumAlltag gehört. „Wir hatten eine schöne Bibliothek, lasen die Tageszeitung und blätterten durch Magazine von Titanic bis Rolling Stone“, erzählt Johannes ironisch von „Kindestagen, in denen er einen bis heute anhaltenden Spaß an der Freud“ entwickelte. Als richtige Leseratte würde er sich dennoch nie bezeichnen, heitere Kurzgeschichten und Graphic Novels zählen eher zu seiner Lieblingslektüre. „Ich habe mich schon kreativ ausgetobt, Otto-Sketche nachgespielt oder eine eigene Radiosendung aufgenommen. Und immer ging es bei mir ums Schreiben oder Moderieren. Mir war früh klar, dass ich beruflich nichts anderes als Quatsch machen wollte.“ Seine Familie wünscht sich eine solidere Basis für den Sohn, sodass Johannes erst eine Ausbildung zum Medienkaufmann beginnt und abbricht, bevor er schließlich Kulturwissenschaften an der Fernuniversität Hagen studiert. Vier inzwischen veröffentlichte Bücher, ein fünftes als Mitherausgeber und zwei selbst verfasste Bühnenprogramme lassen keinen Zweifel daran, dass am Ende die Kunst gesiegt hat. In Schreibworkshops für Jugendliche wirbt Johannes dafür, „sich künstlerisch auszuprobieren, neugierig zu sein und Quatsch zu erzählen.“ Das Ziel sei eben nicht, irgendwann berühmt zu werden, sondern die „überall herumliegenden Geschichten“ zu finden und aufzuschreiben. Dann sei sogar Lügen erlaubt, was der Comedian charmant als Fantasie bezeichnet. Der selbst ernannte Freund des Eskapismus liebt bis heute die kleinen Missverständnisse, wenn Menschen aneinander vorbeireden, und kann es nicht leiden, „wenn man sich über andere erhebt.“ Lieber umgibt er sich konsequent mit netten Leuten, engagiert sich für demokratische Werte und gegen Rechts und tritt auch mal bei einer Geburtstagsfeier auf, wenn er „Bock darauf“ hat.

Obwohl ihm Hamburg ein noch kreativeres Umfeld und viel Inspiration bietet, kehrt Johannes regelmäßig in seine alte Heimat zurück, um einen Poetry Slam zu moderieren oder mit Engel-Besitzer Jan Aretz über die Fußballergebnisse des KFC Uerdingen zu philosophieren. „Ihr müsst lachen lernen!“ – diesen Aufruf von Harry Haller, Hauptfigur in Hesses Roman, hat er längst verinnerlicht. Ganz ohne Lektüre.

 Fotos: Felix Burandt
Artikel teilen: