
„Männer nehm’n in den Arm / Männer geben Geborgenheit“, singt Herbert Grönemeyer seit 1984. Schaut man in die Kriminalstatistik, entsteht ein differenzierteres Bild: 2024 gab es bundesweit 53.451 weibliche Opfer von Sexualdelikten, 308 Mädchen und Frauen wurden getötet. Bei häuslicher Gewalt durch Partner sind die Opfer mit 80 Prozent weiblich. Als Tanja Heier sich bei der Frauenberatungsstelle in Krefeld bewarb, wusste sie nicht, wie herausfordernd ihr Joballtag aussehen würde. Heute führt die Therapeutin und Traumafachberaterin täglich intensive Gespräche, damit Frauen und Mädchen ab 14 Jahren kostenlos Hilfe zur Selbsthilfe erhalten – in Fällen von Stalking und Gewalt wie bei Trennung oder Essstörungen.
Schon die pinkfarbene Beschriftung „Du bist willkommen!“ neben Klingel und Kamera macht deutlich, dass die zweite Etage der Nordstraße 30 ein sicherer Ort sein soll, an dem Frauen Beratung und Unterstützung finden. Bunte Bilderrahmen mit Sprüchen wie „Ich darf mir selbst vertrauen!“ und „Ich darf Fehler machen!“ und ein Zettel mit Komplimenten zum Abreißen geben die notwendige Kraft, die in den meisten Situationen auch dringend benötigt wird. Tanja Heier empfängt uns mit einem Händedruck, der ihre sportliche Vergangenheit als Basketballerin in der 2. Bundesliga verrät, und strahlt eine tiefe Ruhe aus, die sich rasch überträgt. „Es geht hier nicht nur um Gewalt“, beschwichtigt die Vorständin der Frauenberatung zunächst. „Wir beraten und informieren kostenlos und anonym zu einer breiten Palette an Themen, die junge Mädchen und Frauen betreffen. Ein Problem reicht, das ist die Eintrittskarte!“

So drehen sich die Gespräche des Beratungsteams beispielsweise um Mobbing in der Schule, Angst und Panikstörungen, Probleme mit dem Essen, Unsicherheiten mit der eigenen Sexualität, die Menopause oder Schwierigkeiten mit dem Partner. Als die Beratungsstelle 1985 als eingetragener Verein gegründet wurde, hieß sie „Notruf für vergewaltigte Frauen“ und es habe nur wenige ehrenamtliche Pionierinnen gegeben, erzählt Tanja Heier. „Das waren frühe Feministinnen, die etwas bewegen wollten und gesehen haben: Es gibt Bedarf.“ Viele von ihnen hätten damals selbst mit Ungleichheit zu kämpfen gehabt – mit schlechter Bezahlung oder damit, überhaupt ein eigenes Konto eröffnen zu dürfen. Ältere Leserinnen werden sich erinnern: Erst 1977 hatte eine Reform des Ehe- und Familienrechts im BGB die Regelung beseitigt, dass Frauen nur arbeiten durften, solange sie die Familie nicht vernachlässigten. Bis dahin musste der Ehemann zustimmen.

Heute, gut vier Jahrzehnte nach der Eröffnung, setzen sich sechs hauptberufliche Mitarbeiterinnen für die Stärkung von Mädchen und Frauen ein. Durch Hilfe zur Selbsthilfe sollen diese in die Lage versetzt werden, selbstbewusst ihre Belange zu vertreten und zu gestalten. Das Team ist professionell ausgebildet als Sozialarbeiterin oder -pädagogin, Kunsttherapeutin und Traumafachberaterin, verfügt über viele „tolle“ Netzwerke in Krefeld, und auch eine Rechtsanwältin und Fachanwältin für Strafrecht ist ehrenamtlich mit an Bord, um rechtliche Orientierung zu geben und aufzuzeigen, welche Rechte man hat, etwa bei finanziellen Angelegenheiten. „Hierher zu kommen ist für viele oft sehr schambesetzt, umso mehr bewundere ich ihren Mut“, berichtet Tanja Heier mit einer Mischung aus Stolz (auf die Frauen) und unterdrückter Wut (auf die Männer) in der Stimme. Denn zu achtzig Prozent gehe es in den teils „heftigen“ Geschichten, die sie täglich hört, aber im Detail nicht erwähnen will, dann doch um Gewalt. Manchmal sichtbar wie ein blaues Auge oder Blutergüsse am Körper, oft unsichtbar in Form von ständiger Kontrolle, Beleidigungen, Bedrohung und Isolation. „Häufig bekommt psychische Gewalt erst hier ihren Namen“, erinnert sich die gebürtige Oberhausenerin an eine Frau, die zur Beratung kam, weil sie nicht mehr lügen wollte. Dass sie dies tat, um sich vor der Überwachung des Ehemanns zu schützen, wurde ihr erst im Dialog mit Tanja Heier klar. „Seit ich Frauenberaterin bin, habe ich einen anderen Blick auf die Welt“, sagt die Systemische Therapeutin ernst. So gehe sie im Falle von sexualisierter Gewalt an jungen Mädchen auch mit einer gedachten Ritterrüstung ins Gespräch, um sich selbst zu schützen. „Ich empfinde eine tiefe Wertschätzung für diesen Raum, wo Frauen das teilen können, was ihnen widerfahren ist“, erläutert sie ihre Motivation für einen Beruf, der so viel mehr sei als reine Lohnarbeit, es gehe um Haltung.

Aufgewachsen im Ruhrgebiet und aktive Basketballspielerin, seit sie elf Jahre alt ist, landet die mit 1,83 Metern groß gewachsene Frau über ihren Trainerjob bei der Jugendhilfe in Oberhausen. Ein Praktikum und ihre Erfahrungen aus dem Mannschaftssport lassen damals nur eine „logische“ Konsequenz für sie zu: ein Studium der Sozialpädagogik. „Ich war halt immer in soziale Gefüge eingebunden.“ Es folgen viele Berufsjahre in der Beratung von „verhaltensoriginellen“ Kindern und Familien. Doch irgendwann beschließt Tanja Heier, dass sie mit 40 nicht mehr „auf dem Bauteppich“ sitzen, sondern mehr mit Erwachsenen arbeiten möchte. Sie macht sich im Sommer 2016 auf den Jakobsweg, um neue Perspektiven und Klarheit zu finden – und muss als heute 47-Jährige selbst über das Klischee der suchenden Pilgerin schmunzeln. „Als ich mich anschließend bei der Frauenberatung in Krefeld bewarb und im Februar 2017 hier anfing, wusste ich gar nicht, was eigentlich alles dazu gehört“, gesteht die Wahl-Düsseldorferin. „Jetzt liebe ich diesen vielseitigen Mix aus Beratung, Vernetzung, Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit sehr!“ Fördergelder beantragen, Kurse zur Selbstbehauptung organisieren oder auch mal Toilettenpapier beschaffen, nennt sie als Aufgaben, die es zu managen gebe. Dass ihr und dem Team die Arbeit ausgeht, ist angesichts der guten Auslastung – allein 1.343 Einzelberatungen im Jahr 2024 – und zunehmender Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen unwahrscheinlich.

Auch im kommenden Jahr wird das Team daher präventiv arbeiten und Schulklassen in Krefeld besuchen, um mit Schülerinnen und Schülern zu besprechen, wie Beziehungen auf Augenhöhe funktionieren. Das Ziel sei, Gewalt zu vermeiden und gleichzeitig eine Brücke zur Beratung zu schlagen, so Tanja Heier. Zudem sind Selbstbehauptungskurse geplant, was derzeit von Sponsoren und Spenden abhänge. Denn der Verein sei auf finanzielle Unterstützung angewiesen. „WenDo ist ein von Frauen für Frauen entwickeltes Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungstraining. Frauen lernen selbstbewusstes Auftreten, das Erkennen und Einschätzen von Gefahren und das frühzeitige Grenzen Setzen. Danach ist man gefühlt mindestens drei Zentimeter größer und innerlich gestärkt“, weiß die Frauenberaterin aus eigener Erfahrung. Sie freut sich sichtlich auf die im Frühjahr angesetzte interaktive Ausstellung „Klang meines Körpers“, bei der es um das eigene Körperbild, eventuelle Essstörungen und den Umgang mit Emotionen gehen soll.

Wir drehen eine Abschlussrunde durch die skandinavisch-freundlich eingerichteten Beratungsräume. „Männerdiskriminierend geht es hier übrigens nicht zu, sie sind durchaus willkommen, wobei wir hier pro Frau und sehr unterstützend beraten“, betont Tanja Heier voller Energie. Sie ist längst in ihrem Job angekommen und wünscht sich dennoch, dass er nicht notwendig wäre. Der Weg zu echter Gleichberechtigung ist noch lang, auch wenn Herbert Grönemeyer seinen Song „Männer“ vor wenigen Jahren auf Frauen umgemünzt hat. Dort heißt es nun „Frauen machen uns stark / Frauen sind wie Rückenwind“.
Frauenberatungsstelle Krefeld e.V.
Spenden oder Mitfrau* werden, damit Frauen und Mädchen ab 14 Jahren in Not zeitnah einen Termin bekommen und die Beratungstermine für alle kostenlos bleiben können:
Volksbank Krefeld
IBAN DE24 3206 0362 1010 1240 14
BIC GENODED1HTK
Nordstraße 30
47798 Krefeld
Telefon: 02151 – 800571
E-Mail: frauenberatung@frauenberatung-krefeld.de
frauenberatung-krefeld.de
Spenden und Mitmachen: tafel-krefeld.de
Kindertafel: IBAN DE86 3205 0000 0000 9531 74
Sparkasse Krefeld
Fotos: Felix Burandt

