Wir teilen Straßen, Cafés und Warteschlangen – aber kaum Geschichten. Hinter jedem Gesicht steckt mehr, als wir glauben. Ein Impuls, die Stadt nicht nur zu bewohnen, sondern immer wieder zu entdecken.
Am Ostwall steht ein Mann an der Ampel. Dunkelblauer Mantel, Aktentasche, der Blick irgendwo zwischen gestern und morgen. Ich kenne ihn nicht. Er kennt mich nicht. Morgen werden wir uns wieder nicht kennen. Und doch – vielleicht würde er mir in einer anderen Welt von seinen Gedichten erzählen, die er nachts in sein Notizbuch schreibt, wenn die Stadt schläft und die Worte kommen.
Wir leben Tür an Tür, gehen die gleichen Straßen entlang, stehen in der gleichen Schlange bei REWE. Und trotzdem bleiben wir einander fremd. Die Stadt macht uns zu Statist:innen im Leben der anderen – flüchtige Gestalten ohne Geschichte. Menschen, die wir sehen, aber selten wirklich wahrnehmen.
Dabei trägt jeder von ihnen eine Welt in sich. Manchmal zeigt sie sich erst, wenn jemand innehält, nachfragt oder einfach da bleibt, auch wenn es still wird. Wenn nicht sofort reagiert, bewertet oder eingeordnet wird, sondern Raum entsteht für das, was sonst keinen Platz hat.
In einer Zeit, in der vieles schnell beurteilt und noch schneller kommentiert wird, geraten leise Geschichten leicht ins Hintertreffen. Wer nicht laut ist, fällt kaum auf. Wer zögert, gilt schnell als unentschlossen. Und wer erzählt, statt zu argumentieren, wird selten gehört. Dabei lebt eine offene Stadt nicht nur von Meinungen, sondern von Aufmerksamkeit füreinander.
Was wäre, wenn wir uns diese Aufmerksamkeit öfter erlaubten? Wenn Begegnungen Zeit bekämen? In solchen Momenten beginnt etwas, das im Alltag selten geworden ist: Menschen hören sich selbst beim Erzählen zu – und merken, dass ihre Geschichte Gewicht hat.
Diese Stadt ist voller ungehörter Stimmen. Voller Erfahrungen, Zweifel, Wendepunkte. Vieles davon bleibt unausgesprochen, nicht weil es unwichtig wäre, sondern weil es selten Orte gibt, an denen es willkommen ist.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie könnten Ihre Geschichte erzählen. Ohne bewertet oder unterbrochen zu werden. Ohne Angst haben zu müssen, belächelt zu werden. Und ohne dass jemand Ihre Worte nur als Sprungbrett für die eigene Geschichte nutzt. Stellen wir uns gemeinsam einen Raum vor, in dem genau das möglich ist. Gibt’s nicht? Doch. Immer dann, wenn echtes Interesse auf Zeit, Aufmerksamkeit und Respekt trifft. Zum Beispiel in der „ErzählBar“ in der MONA* – der AusprobierBar in der Südstr. 28.
Vielleicht steht der Mann vom Ostwall dann auf einer kleinen Bühne und liest seine Gedichte. Vielleicht sitzt er einfach nur da und erzählt. Und vielleicht merken wir dabei: Diese Stadt, die uns oft so anonym vorkommt, ist voller Menschen, die es wert sind, gesehen zu werden – mehr als nur Kulisse.
Andreas Ullrich ist Coach und Mediator in Krefeld. Er schafft Räume, in denen Menschen gehört und verstanden werden und neue Perspektiven entwickeln.
Foto: privat

