
Es gibt viele Faktoren, die den Start ins Berufsleben beeinflussen: Eltern, Schulnoten, Interessen und Talente, aber auch Persönlichkeitsmerkmale wie Aufgeschlossenheit und Mut. Tiphanie Razafimahaleo hat nach dem Abitur einen langen Weg auf sich genommen, um eine gute Ausbildung zu erhalten und auf eigenen Füßen zu stehen. Ganz allein reiste die 21-Jährige über 8.000 Kilometer von Madagaskar ins kühle Deutschland. Noch bis Juli wird sie ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Montessori-Schule absolvieren, auch für die Zeit danach hat die Afrikanerin bereits Pläne. Welche das sind und wie gut sie hier angekommen ist, erzählte sie uns mit großem Charme – und natürlich in fließendem Deutsch.
Tiphanie Razafimahaleo aus Madagaskar sucht in Deutschland einen Ausbildungsplatz. „Ich habe mein Sportprogramm für diese Woche schon erledigt“, sagt Tiphanie Razafimahaleo mit einem überaus fröhlichen Lächeln im Gesicht. Denn wegen des Streiks im ÖPNV – die Abkürzung kommt ihr ziemlich locker über die Lippen – ist die junge Frau eine Dreiviertelstunde zu Fuß aus der City nach Verberg gelaufen, um pünktlich ihren Dienst an der weltoffenen Europaschule anzutreten. Danach ging es für sie genauso selbstverständlich per pedes zum Treffpunkt an die Kempener Allee, wo ihre Gasteltern wohnen. Es ist ein dezenter Hinweis darauf, dass Tiphanie an den Komfort der westlichen Welt nicht gewöhnt ist und von klein auf gelernt hat, Dinge pragmatisch zu lösen. Ihre Heimat ist die viertgrößte Insel der Welt und berühmt für zweierlei: die Lemuren, eine Affenart, von der es über 100 verschiedene Arten gibt und die ausschließlich auf Madagaskar und ein paar kleineren Inseln in der Nähe leben. Und für Gewürze wie Vanille und Pfeffer. Doch trotz üppiger Vorkommen an Titan, Nickel und Edelsteinen fehlt es im Land an vielem: Politische Krisen lähmen den Fortschritt, und Korruption sowie Misswirtschaft führten dazu, dass die Hälfte der meist jungen Madagassen heute in Armut lebt.

Die Not der Menschen beschäftigt auch Joachim Schumacher, der 2018 mit seiner Frau Ute den achten Kontinent bereiste und eher zufällig die Familie von Tiphanie näher kennenlernte. „Ihr Vater war unser Fahrer“, erzählt der Geschäftsmann und zückt sein Smartphone mit zahlreichen Fotos von Tieren, exotischen Bäumen, kleinen Hütten und Kindern in knallbunten T-Shirts. „Wenn sie betteln, sollte man ihnen Kugelschreiber oder vielleicht Bonbons geben, niemals Geld“, betont der Unternehmer, dem Zugang zu Wissen und Möglichkeiten sehr am Herzen liegen. „Sie sollen in die Schule gehen und etwas lernen!“ Spontan entschließt er sich, Tiphanies Traum von einem Leben in Europa zu unterstützen und sponsert den weiteren Schulbesuch. Sie belegt Deutschkurse am renommierten Goethe-Institut in der Hauptstadt Antananarivo und besorgt sich nach zwei Semestern eine Stelle als Au-pair in einem kleinen Ort in Baden-Württemberg. „Mir hat die Arbeit mit den Kindern überraschend viel Spaß gemacht“, berichtet Tiphanie mit ruhiger Stimme und kaum hörbarem Akzent. So genieße sie auch das Freiwillige Soziale Jahr an der Krefelder Montessori-Schule, wo sie von acht bis fünfzehn Uhr täglich Grundschüler mit motorischen Schwächen oder ADHS betreut. „Das ist entspannt.“

Nach Feierabend chillt sie gern mit ihren Mitbewohnern in der „schönen Ecke der Stadt“ oder erkundet Freizeit- und Shoppingangebote. Das Café Liesgen hat es der Afrikanerin genauso angetan wie der Schwanenmarkt, der Kölner Dom oder der Rhein in Düsseldorf. Wie drastisch sich ihre Lebensumstände seit dem Umzug nach Deutschland geändert haben, wird besonders deutlich, wenn Tiphanie sachlich über Zahlungen mit der EC-Karte, die Tücken des Deutschlandtickets oder eine Riesenauswahl an Lebensmitteln im Supermarkt spricht. „In Madagaskar findet das Leben viel mehr draußen statt, auch Kochen, Essen oder sogar Duschen. In den winzig kleinen Häuschen ist nur Platz für ein Bett und den Kleiderschrank. Und Supermärkte gibt es nur für Reiche. In Deutschland wird hingegen viel gearbeitet, und die Menschen sind eher distanziert“, resümiert sie nachdenklich. Doch sie agiert anpassungsfähig und zuversichtlich, hat sich beispielsweise erfolgreich am Frankfurter Flughafen durchgefragt und trotz ihrer dunklen Hautfarbe noch keine negativen Erfahrungen gemacht.
Ihre berufliche Zukunft sieht Tiphanie klar im kaufmännischen Bereich: „Langfristig möchte ich International Business studieren, doch mein Abitur zählt hier nur als Realabschluss. Ich kann mir vorstellen, erst eine Ausbildung zu machen, vielleicht in einer Bank, in einem Autohaus oder im Groß- und Außenhandel.“ Schließlich spricht sie neben Deutsch fließend Französisch und kann auch Englisch, wie sie trocken anmerkt. Für unser Interview hat sich Tiphanie zielstrebig in Schale geworfen, als hätte sie später noch ein Vorstellungsgespräch. Jetzt fehlt es nur noch an passenden Job-Angeboten. Motivation und Durchhaltevermögen hat sie fern der Heimat schon bewiesen. Was wäre, wenn sie hier Wurzeln schlagen kann?
Tiphanies größter Wunsch ist es, ab August 2025 einen Ausbildungsplatz zu finden. Angebote gern an razafimahaleotiphanie@gmail.com.
Fotos: Felix Burandt