
Als Karl Freiherr von Drais im Jahr 1817 mit einem hölzernen Laufrad durch Mannheim rollte, ahnte er nicht, dass es gut 200 Jahre später fast 84 Millionen Fahrräder in Deutschland geben sollte. Um Spaß, Sport oder klimaneutrale Fortbewegung ging es dem Erfinder damals noch nicht, er suchte lediglich eine Alternative zum Pferd als Transportmittel. Auch das später entwickelte Hochrad ist ohne Kette und Bremse noch meilenweit von heutigen Hightech-Flitzern entfernt. Im ältesten Radsport-Club Krefelds können Zweiradfans nicht nur in die Historie eintauchen: Es gibt Radwandertouren, Angebote für Rennrad, Gravel-Bike und Familien sowie Werkstattkurse mit Reparaturtipps. Ein Besuch beim RCKL in Linn.

Grauer Himmel und Nieselregen? Kein Problem, der Fototermin vor der leicht eingenebelten Linner Burg findet natürlich trotzdem statt. Philip Weimann und seine Mitstreiter des 1897 gegründeten Radfahrer-Clubs lassen sich vom usseligen Winterwetter nicht die Freude verderben. „Im Dezember bei der Gravel-Tour in Holland war es bitterkalt“, berichtet der 1. Vorsitzende mit tiefen Lachfalten um die Augen. „Aber unsere Gruppe hatte Spaß, auch wenn nachher einige Teilnehmer das Bett hüten mussten.“ Im Club zählen von Anfang an Lebensfreude, Heimatliebe und eine familiäre Atmosphäre mehr als die sportliche Leistung, sind sich alle einig, die sich an diesem Nachmittag mit dem passenden Dress zu ihrem Gefährt eingefunden haben. Es ist nicht nur fahrradtechnisch ein Treffen der Generationen – so ist der Jüngste, Jakob Weimann, im Jahr 2010 geboren, Gravel-Bikerin Kathrin Pruisken und Rennradfahrer Matthias Acker- mann sind Jahrgang 1986, und Ehrenmitglied Jürgen Heckel, vor Kurzem mit dem Krefelder Stadtsiegel ausgezeichnet, blickt im Biedermeier-Anzug auf über acht Jahrzehnte Lebenserfahrung zurück. Der RCKL besitzt eine Sammlung historischer Räder, mit denen der Verein an regionalen und überregionalen Veranstaltungen teilnimmt: Wir sehen einen unbequem wirkenden Nachbau einer Draisine, ein blau-rotes Rennrad der Marke Diamant aus den Siebzigern und das so beliebte wie gefährliche Hochrad aus dem Jahr 1887. Fotograf Felix Burandt wagt sich zum Praxistest an das schwarze Monstrum. „Wenn man aufsteigen will, muss man seinen Fuß auf den Aufsteiger setzen, wobei dies an diesem Rad rechts und links möglich ist“, erklärt Philip Weimann geduldig und macht es vor. Der linke Fuß wandert auf den Eisendorn am hinteren kleinen Rad. Die Hände am Lenker gibt Weimann dem Rad mit dem rechten Bein Schwung, zieht den Fuß auf den rechten Dorn, balanciert sich aus und setzt den Fuß vom Aufsteiger auf das Pedal. Mit etwas Übung sitzt auch Felix Minuten später konzentriert im Sattel, der sich in 1,40 Meter Höhe befindet, und strampelt los. Abgesprungen wird nach hinten, eine Bremse gibt es nicht.

Neben dem historischen Aspekt, ergänzt durch eine Biedermeierabteilung mit selbst geschneiderten Gewändern, legt der kleine Verein viel Wert auf entspannte Radwandertouren, gemeinschaftliche Erlebnisse mit Rennrad oder Gravel-Bike sowie familientaugliche Angebote, weiß Geschäftsführer Peter Liesefeld. „Wir bedienen bewusst den Breitensport, um unseren gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen, der seit 1897 in unserer Satzung verankert ist“, betont der 73-Jährige und lädt interessierte Fahrradfahrer zum Schnuppern ein. „Gäste sind bei uns herzlich willkommen, egal ob mit Standardrad, E-Bike oder Pedelec. Die Versicherung ist inklusive!“ Dass neue Mitglieder im RCKL schnell Anschluss finden, bekräftigt die warm eingepackte Kathrin Pruisken. Sie lobt das „schöne Miteinander“ und gerät bei der Beschreibung des bunten Clublebens mit Stammtisch, Hähnchen-Essen oder Kneipenquiz ins Schwärmen.

Auch die vielen kleinen Anekdoten aus über 120 Jahren Vereinsgeschichte, die permanent aus der launigen Truppe heraussprudeln, deuten an, dass ein Ausflug zum Heimatbrunnen Linn, dem üblichen Treffpunkt des RCKL, keine schlechte Idee sein könnte. Werschrauben lernen oder historische Räder aufbauen und restaurieren möchte, erhält in den kostenlosen Werkstattkursen für Jung und Alt nützliche Tipps. Hier lautet das Motto: „Von Alt zu Kult!“ Kulturtouren wie eine Spargelfahrt nach Walbeck oder eine Runde zu den Streetart-Graffitis in Krefeld sind genauso Teil des Programms wie das Nachfahren historischer Radtouren aus den Archiven des Vereins. Philip Weimann, dem man sein Faible für Geschichte schon an stilechten Knickerbockern, Leinenhemd und Schiebermütze ansieht, erzählt von einer Tour nach Köln, die ursprünglich 1921 geplant und 2021 erneut durchgeführt wurde – inklusive fröhlichen Zwischenstopps bei Früh, um sich mit einem Kölsch zu stärken. Tradition und Brauchtum spielen halt nicht nur in Linn eine wichtige Rolle – und so verwundert es kaum, dass seit 1908 eine klassische Fahrrad-Fuchsjagd existiert. Filmfans werden sich an die Neuauflage von Tomb Raider erinnern, in der Lara Croft als Fahrradkurierin durch London saust. Ob gemütlich oder rasant, ob elektrisch angetrieben oder mit Muskelkraft — schon Adam Opel war überzeugt: „Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden wie beim Fahrrad.“
Rennradgruppe (Rennrad und Gravel-Bike)
Mittwochs 18 Uhr
Treffpunkt Heimatbrunnen Linn
Radwandertouren: 13. April, 24. April
Alle Termine auf der Webseite: radfahrerclub.de
Fotos: Felix Burandt