Noel Bulca & Shoeinc

Get your kicks!

Botten, flippen, shockdroppen, hypen: Wenn Noel Bulca von seinem Geschäft spricht, muss man nicht nur wegen seines hohen Redetempos die Ohren spitzen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Der 19-jährige Jungunternehmer hat es mit einer hochspezifischen Geschäftsidee nach ganz oben geschafft – und das in einem Alter, in dem andere noch gar nicht wissen, wo die Reise überhaupt hingehen soll. Mit seiner Firma Shoeinc kauft er auf der ganzen Welt limitierte Sneaker ein, um sie dann mit beträchtlichem Gewinn an die stetig wachsende Gemeinde begeisterter Schuhsammler weiterzugeben. Zu seinen prominenten Kunden zählen Rapper, Fußballprofis, YouTuber und Models und innerhalb weniger Monate ist der Ein-Mann-Betrieb zu einer Firma mit rund 20 Mitarbeitern angewachsen. Aber Noel ist damit noch lange nicht am Ziel.

„Angefangen hat alles, als ich 14 war und mir meine ersten Yeezys gekauft habe“, sprudelt es aus Noel hervor, als könne er es kaum erwarten, seine Geschichte zu erzählen. „Ich begann, über Sneaker zu recherchieren und stellte bald fest, wie einfach man damit Geld verdienen kann. Ich kaufte Schuhe ein und verkaufte sie dann über eBay Kleinanzeigen. Mit 18 meldete ich mein Gewerbe an und seit Januar läuft der Verkauf über meinen eigenen Onlineshop.“ Um Menschen jenseits der 40 an dieser Stelle ins Boot zu holen: Die Marktgiganten Nike und adidas geben in unregelmäßigen Abständen streng limitierte Modelle heraus, oft in „Collabos“ mit Designern oder Rappern wie Kanye West, die mit oder ohne Vorankündigung „gedroppt“ werden und dann über deren Webshops erhältlich sind. Sneaker-Fans aus der ganzen Welt übernachten zu den angekündigten Terminen vor dem Rechner, um ein Paar der begehrten Schuhe zu ergattern. Oder aber man kommt in eine Art digitaler Warteschleife, in der man mit etwas Glück das Losrecht erhält, mit dem man dann die begeherten Schuhe erwerben kann. Mit dieser Marketingstrategie haben die Schuhhersteller nicht nur auf den stetig wachsenden Status der einst schmucklos „Turnschuhe“ genannten Sneaker reagiert, sondern auch die Begehrlichkeit enorm gesteigert. „Kids lieben die limitierten Modelle, weil sie damit aus der Masse hervorstechen. Es sind Schuhe, die nicht jeder trägt, die ein bisschen ausgefallener, mutiger und anders sind“, erklärt Noel den Reiz. Die Wertsteigerung ist ja nach Modell beträchtlich: Ein bestimmtes Paar hat Noel für 23.000 Euro verkauft. Noel selbst hat nach eigenen Angaben 160 Paar zu Hause: „Ungetragen und vakuumiert. Für mich ist das eine Geldanlage“, sagt er. „Aber manchmal packe ich sie aus und schaue sie mir an: Ich finde sie einfach schön.“

Bis hierhin ist die Geschichte für Außenstehende vielleicht etwas kurios, aber noch nicht besonders ungewöhnlich: Faszinierend wird sie aber, wenn man den Grad an Erfindungsgeist und Zielstrebigkeit betrachtet, mit dem Noel sein Geschäft professionalisiert hat. So sitzen er und seine Mitarbeiter natürlich längst nicht mehr selbst vor dem Rechner, um Schuhe zu kaufen: „Man muss die Seiten der Anbieter botten“, erläutert er. Ein Programm stellt sicher, dass neue Modelle automatisiert gekauft werden, sobald sie im Shop „droppen“ – und das in großer Stückzahl. „Die Stores erlauben eigentlich nur den Kauf von einem Paar pro Person. Aber es gibt Wege, ihnen vorzugaukeln, dass man mehrere Personen ist.“ Zwischen den Schuhgiganten und den zahlreichen findigen Schuhdealern ist längst ein kleiner Technik-Battle entbrannt, bei dem der eine den anderen auszutricksen versucht. Aber Noel ist in der Szene gut vernetzt: Er hat Kontakt zu den Computer-Wizards, die die geeigneten Bots programmieren, Szenekennern, die genau wissen, wann welcher Schuh erscheint, Experten, die die ebenfalls immer häufiger und besser werdenden „Fakes“ erkennnen, und anderen Händlern, die sein Bestandslager mit älteren Schuhmodellen aufstocken. Täglich laufen so 150 bis 300 Bestellungen bei ihm ein, an richtig guten Tagen können es auch schon einmal 1.000 sein. Ein Ende des „Hypes“ ist für Noel nicht in Sicht: „adidas und Nike sind heute so groß, sie sind in der Lage, selbst zu beeinflussen, was den Menschen gefällt“, zeigt er sich überzeugt. „Sie werden nicht tatenlos zusehen, wenn sich die Mode verändert. Und die Menschen werden immer Lust darauf haben, etwas Seltenes, Einzigartiges zu besitzen.“

Die Zuversicht kommt vielleicht auch daher, dass Noel nicht auf das Sneakergeschäft angewiesen ist. Mehrere Firmen laufen mittlerweile auf seinen Namen. Für Hobbys hat er bei soviel Business keine Zeit, für den Müßiggang ist in Zukunft noch genug Gelegenheit. Und man hat tatsächlich nicht das Gefühl, dass ihm etwas fehlt. „Ich habe schon mit zehn Jahren gearbeitet und am Wochenende die Krankentransporter meines Vaters gewaschen. Seine Selbstständigeit war für mich immer eine Inspiration und so wollte ich schon als Jugendlicher mein eigener Herr sein. Also habe ich immer gut zugehört und hingeschaut. Das mache ich immer noch so. Man kann immer etwas dazulernen – vor allem von anderen erfolgreichen Leuten.“ 

Was Mitarbeiterführung bedeutet, weiß Noel schon. Das Mittagessen fürs hart arbeitende Shoeinc-Team – alles junge Leute unter 20 – zahlt er täglich aus seiner Tasche. Im Sommer hat er alle nach Ibiza eingeladen, im Winter geht es zum Skifahren nach Kitzbühel. Wer arbeitet, darf auch feiern. Obwohl es nur schwer vorstellbar ist, dass Noel tatsächlich einmal zur Ruhe kommt. Eher wird er den nächsten großen Coup aushecken – und mit einer neuen Idee nach Hause kommen. Jeder holt sich seine Kicks eben woanders. 

Shoeinc GmbH
Tempelsweg 18
47918 Tönisvorst
shoeinc.de

Fotos: Luis Nelsen

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